Berlin. Eine Kahnekdote.

Eigene Montage; Silhouette: Thomas Wolf, CC BY-SA 3.0

Foto Silhouette: Thomas Wolf, CC BY-SA 3.0; eigene Montage

Berlin ist groß.
Berlin stinkt.
Berlin braucht das Wasser.
Berlin macht manche Welle.
Berlin hat viele Stärken.
Berlin hat viel hinter sich.
Die, die Berlin hinter sich hat, haben Berlin auf dem Radar.
Wenn Berlin in Fahrt ist, ist Berlin nicht leicht zu stoppen.
Berlin ist schnell, zumindest wenn Berlin leer ist.

Aber heute war ich schneller.
… als ich auf meiner Joggingstrecke am Kanal die MS Berlin einholte, einen 80 Meter langen, leeren, aber deshalb ziemlich schnellen, Stückgut-Frachter auf dem Weg Richtung Ruhrgebiet.

Als ich denn den Bug erreichte, nicht ohne Stolz, fragte ich mich:
Hab ich Berlin hinter mir?

(Zu einer anderen Kahnekdote.)

Deutsch‘ just wanna have Fahn.

Die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz fordert, während der EM auf Deutschlandfahnen zu verzichten, um „nationalistischem Gedankengut“ keinen Raum zu lassen. Das ist natürlich blanker Blödsinn, denn die Nationalsozialisten haben bekanntlich das Hakenkreuz auf der Fahne getragen. Insofern hat Peter Altmaier mit seinem Antworttweet schon recht: Die schwarzrotgoldene Fahne ist ein Zeichen für das neue, weltoffene Deutschland. Doch ist sie das immer? Die BRD-Fahne wird nämlich auch auf nationalistisch bewegten Demos von Pegida, AfD und Co. gezeigt – AfD-Einheitzer Björn Höcke zeigte sie sogar demonstrativ in einer Talkshow – hier ist sie eindeutig ein Abgrenzungssymbol.
Unsere Nationalflagge, von sich aus wertfrei, bedeutet je nach Kontext unterschiedliche Dinge. Das birgt die Gefahr von Vereinnahmung, von Provokation, vor allem aber: von Missverständnissen.

imageIch habe immer ein ungutes Gefühl, wenn ich im privaten Kontext unsere Fahne sehe – und das muss ich während der EM leider häufig. Vor dem Bellevue in Berlin steht eine solche Fahne und zeigt: Hier arbeitet der Bundespräsident, ein Vertreter dieses neuen, weltoffenen Deutschlands. Doch wofür stehten die Deutschlandfahnen an Autos, in Gärten, oder die, die heute in unserer Siedlung gehisst wurde?
Die Flagge könnte für die oben beschriebene Abgrenzung stehen, für den Stolz, den die Fahnenbesitzer ihrem Heimatland gegenüber empfinden. Das ist ein Stolz, der auch exklusivistisch gemeint oder zumindest verstanden werden kann, nach dem Motto: Menschen aus anderen Ländern haben ja eigene Fahnen.
In unserer Gegend sieht man aber nur deutsche Fahnen. Wir sind hier nicht in Kreuzberg, Hamburg-Altona oder Köln-Kalk.

DügIdA - Demonstration, Düsseldorf, Dezember 2014. Foto: Bündnis 90 / Die Grünen NRW; CC BY SA 2.0

DügIdA – Demonstration, Düsseldorf, Dezember 2014. Foto: Bündnis 90 / Die Grünen NRW; CC BY SA 2.0

Ich unterstreiche, dass ich keinem Fahnenfreund diese Motivation unterstelle, aber: Warum sonst eine Deutschlandflagge? Ich vermute, die meisten Flaggenverfechter werden antworten: „Wir wollen zeigen, dass wir Fans der deutschen Nationalmannschaft sind!“ Doch: Wem zum Teufel denn zeigen? Hier sind doch nahezu alle Fans der deutschen Spieler! Eine Fahne mit dem DFB-Logo wäre darüber hinaus weit weniger missverständlich. Die tragen die Nationalspieler schließlich auch auf dem Trikot – schwarzrotgold sieht man da nicht (mehr; außer man sieht die belgischen Kicker). Ein DFB-Emblem im Vorgarten würde zudem die deutschen Fußballhasser nicht vereinnahmen (wie es die deutsche Flagge tut, die ja alle Deutschen repräsentieren soll). BVB-Fans hängen sich ja auch nicht das Dortmunder Stadtwappen in den Garten.

Ich bleibe dabei: Die deutsche Fahne zu zeigen ist höchst missverständlich, gerade in diesen Zeiten. Momentan jubeln zigtausende Deutsche den besten Fußballspielern des neuen, weltoffenen Deutschlands zu. Das finde ich gut und das tue ich auch, zumindest, wenn sie ordentlich spielen. In diesen Tagen marschieren aber auch zigtausende Deutsche für geschlossene Grenzen, Einwanderungsstopps und Abschiebungen.
Beide Gruppen sollten die deutsche Fahne nicht für ihre Zwecke missbrauchen.

Ein Gruß – das muss!

Eine der ersten Lektionen, die ich nach meinem Umzug vor vier Jahren gelernt habe, war das Grüßen. Während man in Berlin die Leute grüßt, die man kennt, gehört im Auenland ein freundliches Nicken und ein kurzes „Moin“ zum guten Ton – auch bei Leuten, die man nicht kennt.
Wobei man viele Leute halt immer wieder sieht, auch wenn man sie nicht kennt.

Beim Joggen gestern habe ich das beherzigt. Auch wenn ich tierisch am Keuchen war, habe ich jeden Radfahrer und jede Radfahrgruppe, die mir auf der Kanalpromenade entgegenkam, freundlich genickt und gegrüßt. Zurück gegrüßt hat nicht einmal jeder Dritte Radler. Warum nicht? War gestern joggingfreier Donnerstag? Gibt es einen speziellen Code zwischen Radfahrern und Läufern, den ich noch nicht kenne? Oder hat sich rumgesprochen, dass ich letzte Woche auf dem Weg zum Einkaufen vergessen habe einen Kindergartenpapi zu grüßen?

Lange Kilometer lang habe ich über Grund des Grüßboykotts nachgegrübelt. Bei einer jungen Radfahrergruppe, die gerade rund um eine Bank versammelt ein paar Bier trank, probierte ich einfach mal ein „Prost“. Und siehe da: Alle grüßten freundlich zurück!

Hätte ich an Christi Himmelfahrt bzw. am Vatertag auch früher drauf kommen können.