Deutsch‘ just wanna have Fahn.

Die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz fordert, während der EM auf Deutschlandfahnen zu verzichten, um „nationalistischem Gedankengut“ keinen Raum zu lassen. Das ist natürlich blanker Blödsinn, denn die Nationalsozialisten haben bekanntlich das Hakenkreuz auf der Fahne getragen. Insofern hat Peter Altmaier mit seinem Antworttweet schon recht: Die schwarzrotgoldene Fahne ist ein Zeichen für das neue, weltoffene Deutschland. Doch ist sie das immer? Die BRD-Fahne wird nämlich auch auf nationalistisch bewegten Demos von Pegida, AfD und Co. gezeigt – AfD-Einheitzer Björn Höcke zeigte sie sogar demonstrativ in einer Talkshow – hier ist sie eindeutig ein Abgrenzungssymbol.
Unsere Nationalflagge, von sich aus wertfrei, bedeutet je nach Kontext unterschiedliche Dinge. Das birgt die Gefahr von Vereinnahmung, von Provokation, vor allem aber: von Missverständnissen.

imageIch habe immer ein ungutes Gefühl, wenn ich im privaten Kontext unsere Fahne sehe – und das muss ich während der EM leider häufig. Vor dem Bellevue in Berlin steht eine solche Fahne und zeigt: Hier arbeitet der Bundespräsident, ein Vertreter dieses neuen, weltoffenen Deutschlands. Doch wofür stehten die Deutschlandfahnen an Autos, in Gärten, oder die, die heute in unserer Siedlung gehisst wurde?
Die Flagge könnte für die oben beschriebene Abgrenzung stehen, für den Stolz, den die Fahnenbesitzer ihrem Heimatland gegenüber empfinden. Das ist ein Stolz, der auch exklusivistisch gemeint oder zumindest verstanden werden kann, nach dem Motto: Menschen aus anderen Ländern haben ja eigene Fahnen.
In unserer Gegend sieht man aber nur deutsche Fahnen. Wir sind hier nicht in Kreuzberg, Hamburg-Altona oder Köln-Kalk.

DügIdA - Demonstration, Düsseldorf, Dezember 2014. Foto: Bündnis 90 / Die Grünen NRW; CC BY SA 2.0

DügIdA – Demonstration, Düsseldorf, Dezember 2014. Foto: Bündnis 90 / Die Grünen NRW; CC BY SA 2.0

Ich unterstreiche, dass ich keinem Fahnenfreund diese Motivation unterstelle, aber: Warum sonst eine Deutschlandflagge? Ich vermute, die meisten Flaggenverfechter werden antworten: „Wir wollen zeigen, dass wir Fans der deutschen Nationalmannschaft sind!“ Doch: Wem zum Teufel denn zeigen? Hier sind doch nahezu alle Fans der deutschen Spieler! Eine Fahne mit dem DFB-Logo wäre darüber hinaus weit weniger missverständlich. Die tragen die Nationalspieler schließlich auch auf dem Trikot – schwarzrotgold sieht man da nicht (mehr; außer man sieht die belgischen Kicker). Ein DFB-Emblem im Vorgarten würde zudem die deutschen Fußballhasser nicht vereinnahmen (wie es die deutsche Flagge tut, die ja alle Deutschen repräsentieren soll). BVB-Fans hängen sich ja auch nicht das Dortmunder Stadtwappen in den Garten.

Ich bleibe dabei: Die deutsche Fahne zu zeigen ist höchst missverständlich, gerade in diesen Zeiten. Momentan jubeln zigtausende Deutsche den besten Fußballspielern des neuen, weltoffenen Deutschlands zu. Das finde ich gut und das tue ich auch, zumindest, wenn sie ordentlich spielen. In diesen Tagen marschieren aber auch zigtausende Deutsche für geschlossene Grenzen, Einwanderungsstopps und Abschiebungen.
Beide Gruppen sollten die deutsche Fahne nicht für ihre Zwecke missbrauchen.

Ein Gruß – das muss!

Eine der ersten Lektionen, die ich nach meinem Umzug vor vier Jahren gelernt habe, war das Grüßen. Während man in Berlin die Leute grüßt, die man kennt, gehört im Auenland ein freundliches Nicken und ein kurzes „Moin“ zum guten Ton – auch bei Leuten, die man nicht kennt.
Wobei man viele Leute halt immer wieder sieht, auch wenn man sie nicht kennt.

Beim Joggen gestern habe ich das beherzigt. Auch wenn ich tierisch am Keuchen war, habe ich jeden Radfahrer und jede Radfahrgruppe, die mir auf der Kanalpromenade entgegenkam, freundlich genickt und gegrüßt. Zurück gegrüßt hat nicht einmal jeder Dritte Radler. Warum nicht? War gestern joggingfreier Donnerstag? Gibt es einen speziellen Code zwischen Radfahrern und Läufern, den ich noch nicht kenne? Oder hat sich rumgesprochen, dass ich letzte Woche auf dem Weg zum Einkaufen vergessen habe einen Kindergartenpapi zu grüßen?

Lange Kilometer lang habe ich über Grund des Grüßboykotts nachgegrübelt. Bei einer jungen Radfahrergruppe, die gerade rund um eine Bank versammelt ein paar Bier trank, probierte ich einfach mal ein „Prost“. Und siehe da: Alle grüßten freundlich zurück!

Hätte ich an Christi Himmelfahrt bzw. am Vatertag auch früher drauf kommen können.

Auf den Müll, Kippe! (Tatort Vorgarten, Teil 2)

Wer diesen Blog verfolgt, weiß um mein schwieriges Verhältnis zu Vorgärten. Das hängt sicherlich mit meinem Trauma zusammen, das ich im Sommer 2014 erlitten habe, als sich fremde Mächte unseres Vorgartens bemächtigt haben.
Das liegt aber auch an der Bedeutung, den Vorgärten im nachbarschaftlichen Kontext haben, vielleicht besonders in meiner neuen Heimat. Sie stehen für das Spannungsverhältnis zwischen Selbstdefinition („Alles geharkt und in Form geschnitten – so sehr habe ich mein Leben im Griff“!) und Demonstration der sozialen Rolle („My home is my castle, my vorgarten is my Königreich“). Darüberhinaus sind sie ein Puffer zwischen Eigentum und Allgemeinheit und Ausdruck nachbarschaftlicher Kommunikation – Immerhin sagt mein Vorgarten etwas über mich aus, ebenso darüber, was ich für einen „richtigen“ Vorgarten halte.
Wenn Vorgärten nicht so viele Bedeutungen hätten, würde es sie vermutlich gar nicht geben, sondern vor dem Haus wären Parkplätze. Denn als „richtiger“ Garten, in dem man Entspannen, Spielen und Grillen kann, taugen Vorgärten nicht.

Trauma hin, Spannungsverhältnis her: Hin und wieder gehe auch in vor dem Haus Unkraut jäten. Dann z. B., wenn sich allzuviele Löwenzähne durch die Wegplatten bohren oder die Buchsbäume im Beet vor Wildkräutern nicht mehr zu sehen sind.

Gestern kam ich mir jedoch vor, als würde ich in einem Aschenbecher herumwühlen. Im Kiesbeet vor unserem Küchenfenster fand ich 21 Zigarettenstummel! Einige waren schon alt und konnten nur noch in Gestalt eines aufgeweichten Filters geborgen werden, andere waren relativ frisch, trugen sogar noch das Markenlogo („West“) und wären astreines Material für eine DNA-Bestimmung.
Keine dumme Idee.
Denn dvorgarten-zigaretten_01_160416_11-30a weder ich noch meine Frau rauchen, muss irgendjemand Außenstehendes die Kippen bei uns entsorgt haben. Vielleicht mit Absicht – weil das eigene Beet heilig ist? Oder weil unser Vorgarten in den Augen der Tabakfreunde sowieso nicht den geltenden Standards entspricht?
Vielleicht sind die Stummel nur vom Wind in unser Beet geweht und dort einfach hängen geblieben. Diese Möglichkeit ist allerdings eher unwahrscheinlich. Auf der Straße liegen selten Kippen rum, und in den Nachbarbeeten auch nicht.

Aber was soll’s: Die Spekulationen bringen nichts, von Videoüberwachung halte ich nichts und eine DNA-Bestimmung lohnt sich nicht. Bleibt also nur, die Dinger zu entsorgen. Natürlich getrennt von dem Grünabfall, denn die Stummel sind für die Umwelt pures Gift. Eines leichten Ekelgefühls beim Auflesen der Rauchwarenreste konnte ich mich nicht erwehren.

Meinen Protest gegen die unfeine Müllentsorgung werde ich, aus Mangeln an geständigen Tätern, zunächst nur auf diesem Blog äußern. Also:

Liebe Raucher, die ihr eure Kippen in unseren Vorgarten werft!
Kann sein, dass er nicht euren Vorstellungen entspricht, aber wir wohnen hier und lassen uns ungern zwingen den Beeten mehr Zeit zu widmen als unseren Kindern, unseren Interessen und dem, was uns zur Entspannung gut tut. Und auch, wenn unsere Buchsbäume nicht in Form geschnitten sind: Wie ein Aschenbecher sehen sie nicht aus. Deshalb sucht euch bitte einen solchen, wenn ihr das nächste Mal nicht wisst, wohin mit eurer Kippe.

Zum Abschluss, nur für euch, ein Werk zeitgenössischer Waste-Art: