Bremsbelag statt Bodenbelag

Nicht, dass unser Umzugsdarlehen nicht auf Naht genäht wäre – aber die Frühjahrsinspektion bei unserem Wagen hat uns einen für heute geplanten Ikeabesuch absagen lassen. 500 Euro kosten Bremsen, Batterie und Kleinkram. Und zwar sofort, der TÜV läuft heute ab – was wir zugegebenermaßen hätten auf dem Schirm haben können. Das heißt: Dafür muss das Umzugsbudget erst einmal herhalten und vieles, was unser Häuschen wohnlicher gemacht hätte, erst einmal warten.
Aber wozu Gardinen? Zugezogen sind wir ja selbst.

Dafür hat mich mein Vater auf einen angenehmen Nebeneffekt eines bisher als sehr unpersönlich empfundenen Nachrichtenthemas aufmerksam gemacht: Die Krankenschwestern, Klärwerkswächter und Kitaerzieher im öffentlichen Dienst, die in den vergangenen Wochen für mehr Lohn gestreikt haben, haben auch für mich gestreikt!
Und so sehe ich mich in einer sehr befremdlichen Situation. Dankbarkeit gegenüber Gewerkschaften, Gewerkschaftern, Streikenden war mir bislang absolut fremd. Und auch wenn vom Tarifabschluss von 6,3 Prozent Plus im Netto wohl nur eine Teppichfliese bleiben wird: Ich werde sie „Frank Bsirske“ nennen.

Vom Befreien und Bewahren wollen

Übergabe.
Seit drei Wochen beobachte ich alles, was ich im Sender mache, ganz genau. Und ich führe Buch: Was mache ich da eigentlich? Mit wem kommuniziere ich? Ist das typisch für das, was ich tun will, oder, wenn nein, wie kann ich es abstrahieren – was ist ein besseres Beispiel für diese Arbeit?

Und in dem Maße, indem ich Aufgabe für Aufgabe in einem Dokument niederschreibe und notwendige Kontakte und Logins hinzufüge, mit jeder Sammlung von Rechnungen und Verträgen, die ich aus Ordnern herausnehme und für meine Nachfolger bündele, werden mir zwei Sachen immer bewusster:

Zum einen mache ich nicht jede Aufgabe gleich gern. Ja, es gibt sogar Sachen, die mache ich überhaupt nicht gern! Das ist mir bislang nicht so aufgefallen, also in der Zeit, in der sehr viele Sachen meinen Tagesablauf bestimmt haben, und viele davon sogar gleichzeitig – und wo ich oft am Tagesende gar nicht wusste, was genau ich gemacht habe. Jetzt, wo ich meine Arbeit aus einer Metaperspektive beobachte, erscheint alles für sich viel deutlicher.

Zum anderen fühle ich mich immer befreiter. So als würde ich mit jeder Datei im Übergabe-Ordner ein Stück Abschied vollziehen. Tschüs, Presseverteiler, Tschüs, Onlineleitfaden, Tschüs, Praktikantenhandbuch!

Dass das Aufgaben-Loslassen leichter geht als das Kollegen-Loslassen, habe ich gestern Abend erfahren. Ich hatte richtig Heimweh nach meinen Leuten in der Redaktion, die ich jahrelang täglich um mich gehabt habe, mit denen ich unglaublich viel gelacht habe und mit denen ich unser Radioprodukt erfolgreich, vor allem aber unglaublich liebenswert gemacht habe. Und das, obwohl ich gestern noch vier Tage mit ihnen vor mir hatte!

Ich bin sicher, auch in meiner neuen Heimat werde ich meine Kollegen gern haben. Einige habe ich ja schon kennen gelernt.
Aber persönliche Bindungen, die sich in vielen Jahren entwickeln haben, sind nicht zu ersetzen. Für Freunde kann man keine Übergabe schreiben.