Wasserschaden und Kaffeekranz bei Blasmusik.

Besoffene Knallkumpanen ziehen am Tag des Schützenfestes um 4 Uhr  mit einer Kanone durchs Dorf und feuern alle 5 Minuten einen Schuss ab. So hat man mir erzählt.
Doch dieser Beginn in den Sonntag blieb uns erspart. Bis 14 Uhr sogar jegliche im Haus wahrnehmbare Regung der regionalen Schützenschaft (30 Vereine!), die zum Jubelfeste des hiesigen Vereins heute im Dorf einmarschieren sollte.

Dafür nicht unser Wasserschaden.
Ein Eckventil, das unser Vermieter letzte Woche in den Spülzulauf der Küche eingebaut hatte, tropfte offenbar schon seit Tagen – ins Mauerwerk, dort setzte es bereits Schimmel, und unten im Kellerraum tropfte das Wasser auf unsere noch nicht ausgepackten Umzugskisten. Und in sie hinein. Eine Bestandsaufnahme des Schadens steht noch aus.
Unseren Vermieter scheinen die Folgen seiner Nachlässigkeit auf jeden Fall nicht zu beunruhigen: „Wissen Sie, Herr Brendel, ich seh das gar nicht als Problem“, sagte er beim kurzen Ortstermin. „Das trocknet wieder. Leeren sie heute Abend nur den Eimer im Keller aus, dass der nicht überläuft.“ Hat er diese Ruhe im Irak gelernt?

Zeit uns zu ärgern hatten wir nicht, denn für heute Nachmittag hatten wir unsere Familie zum Einweihungskaffee eingeladen. Das dafür notwendige Großreinemachen wurde schließlich doch durch die Schützen unterbrochen. Das näher kommende, rhythmische Bumm, Bumm, Bummbummbumm der Basstrommel kündete von dem größten Aufmarsch von Heimat schützenden Schützenbrüdern samt Entourage, den unser 1000-Seelen-Ort (davon sind 200 Schützenbrüder!) je gesehen hat. Nein, es war eigentlich kein Aufmarsch – eher ein Durchmarsch oder ein Rundmarsch, denn so groß, wie der Zug lang war, ist der Ort nicht. So konnten wir ihn aus dem Fenster Richtung Süden sehen, gleichzeitig auf der Straße nördlich vom Haus und beim Blick gen Osten auch. Eine lange Schlange aus Grünjacken, silberplakettierten Königspaaren, mehr oder minder unmotivierten Dorfkindern, die Holzschilder vorantrugen und jeder Menge Spielmannszügen. Die alles spielten, was die deutsche Kapellenmusik zu bieten hat. Inklusive „Kölle Alaaf, Alaaf“. Im Emsland. Oder auch mit eigenen, offenbar identitätsstiftenden Texten, wie zumindest das unten stehende Video nahelegt.

Für den Besuch des Festplatzes, der mir aus Dorfnetworking-Gründen sicherlich ganz gut getan hätte, hatte ich wg. des Großbesuchs eine Ausrede. So konnte ich meine kritische Ferneinschätzung, die ich in den vergangen Jahren gegenüber der schusskräftigen Traditionsbewegung aufgebaut hatte, nicht aus der Nähe überprüfen. Nur ansatzweise mit meinem Makroobjektiv. Die Bilder und das Video lasse ich unkommentiert.
Was für diesen Blogeintrag übrigens nicht gelten muss.

 

Achso: Meine Schwester hat unsere neue Bleibe übrigens gelobt.

Den Vogel abgeschossen.

Was für ein Abend. Mein erster dienstlicher Termin in der neuen Heimat sollte die guten Beziehungen zwischen Bildungshaus und Schützenverein im Ort unterstreichen. Deswegen wurden meine Kollegen und ich auch eingeladen und der Chef hat uns ermuntert hinzugehen. Und immerhin stand das Schützenzelt ja auch auf „unserem“ Parkplatz. Doch auch wenn es ein Pflichttermin war, habe ich gestern enorm viel über meinen Ort und seine Menschen gelernt. Trotzdem wirkte der so genannte „Kommersabend“ als Auftakt zum 400jährigen Jubiläums-Schützenfest des örtlichen Schützenvereins auf mich ziemlich surreal. Ein bisschen wie eine Prunksitzung. Oder, ein besserer Vergleich: Wie QVC in live, wo ich immer zwischen Fremdschämen, der Frage „meinen die das ernst?“ und die Erkenntnis „Ja, die meinen das ernst“ hin und herschwenke.

Nur dass die Gäste bei QVC wirklich begeistert von ihrem Produkt sind.

Im Schützenzelt folgte Grußwort auf Grußwort, geschichtlicher Rückblick auf geschichtlichen Rückblick (Schützenplaketten/Artilleriefahnen/Abfolge der Vereinsvorsitzenden), jeweils von nicht immer eloquenten Vereins- und Politikgesandten. Ein lokaler Comedian in Holzschuhen (ein Freund der „Holzvogelfetischisten“, wie er sagte) sorgte nur für kurze Lacher und eine Trachtenkapelle, die sich emsländisch gab und bayerische Volksmusi spielte, konnte gar keine Stimmung erzeugen, noch weniger eine Sängerin in alpenländischer Tracht, die zum Playback Andrea Berg-Songs sang. Zugegeben: Mit dem Chef am Tisch zu „Oans-zwoa-Gsuffa“ zu schunkeln hatte auch etwas Amüsantes, dennoch war es ihm (und auch wohl mir) anzusehen, dass wir Freitagabende in der Regel anders verbringen. Dass man die Schützenbrüder ernst nehmen kann, ohne sie entweder zu langweilen oder sie in Verlegenheit zu bringen, zeigte einzig der katholische Ortspastor, der in Otto-Manier sein Grußwort auf der Gitarre sang. Standing Ovations.

An diesem Abend wäre ich verloren gewesen, wenn mein Chef gesagt hätte „Herr Brendel, kommen sie da mal hin“, und mein Nachbar und Kollege nicht dabei gewesen wäre. Er hat mich – dem Geschehen gegenüber respektvoll distanziert – auf die Eigenheiten der Schützenrituale hingewiesen, mich einigen Leuten aus dem Ort vorgestellt („hier sitzen die Akademiker, da vorne die Arbeiter aus dem nördlichen Teil, und die mit einem Hof hinter dem Kanal stehen dort drüben an der Theke“) und mir so das Gefühl gegeben, dass ich hier hingehöre. Ich glaube, ich habe viele Namen vergessen – wohl weil jeder neue Name mit einem Bier und einem roten Likör namens „Quickie“ verbunden war. Aber hier im Dorf läuft man sich ja zwangsläufig häufiger über den Weg. Und kann dann an den Quickie auf dem Schützenfest anknüpfen. Oder so.