Mein Arbeitszeugnis – Freude und Fragen

Siebeneinhalb Jahre war ich bei „meinem“ Berliner Radiosender. Nach dem Examen zunächst als Volontär, dann als Redakteur und Moderator, dann als Chef vom Dienst, als Wortchef, Leiter der Onlineredaktion und Verantwortlicher für die Öffentlichkeitsarbeit. Viele Aufgaben habe ich aufgrund meines eigenen Interesses übernommen, andere wegen meiner wachsenden Erfahrung und Verwurzeltheit im Sender, die meisten aber aufgrund der Tatsache, dass die Aufgaben halt jemand übernehmen musste. Ich habe nun mein Abschlusszeugnis bekommen. Auf drei DIN A4-Seiten werden meine Verantwortungsbereiche beschreiben, von A wie „Abnahme von Beiträgen“ bis Z wie „Zenon-Umstellung“ – und dann folgen würdigende Worte, die mir die Tränen in die Augen treiben.

„Durch sein über die Maßen hinaus gehendes Engagement, seine stetige Bereitschaft sich weiterzuentwickeln und fortzubilden, seine Kreativität und seine Innovationsfreude hatte er wesentlichen Anteil an den steigenden Hörerzahlen und dem wachsenden Erfolg unseres Senders. Herr Brendel fungierte sehr oft als Impulsgeber und hat durch seine Ideen und gleichzeitigen Umsetzungsmöglichkeiten den Sender qualitativ weiterentwickelt.
In der Arbeitsweise von Herrn Brendel spiegelte sich zu jeder Zeit eine sehr große Verantwortung gegenüber unserem Sender, unseren Geschäftspartnern und unseren Hörern wider. Bei der Betreuung und Einarbeitung von Praktikanten und Volontären bewies Herr Brendel zu jeder Zeit Führungskompetenz und setzte sich für nachhaltige Nachwuchsförderung ein. Er besitzt eine natürliche Autorität, genoss das Vertrauen der Mitarbeiter und wurde von ihnen anerkannt und geschätzt.
Aufgrund seines umfangreichen und jederzeit abrufbaren journalistischen Fachwissens, seiner weitreichenden Erfahrung im Redaktionsmanagement, seines freundlichen Wesens und seines kollegialen Verhaltens war er bei Vorgesetzten, Geschäftspartnern und Kollegen gleichermaßen in höchstem Grade beliebt und geachtet. Herr Brendel hat seine Positionen stets zu unserer vollsten Zufriedenheit ausgeübt und unseren Erwartungen in jeder Hinsicht sehr gut entsprochen.“

(C) AP, Michael Probst

Ich freue mich sehr über die durch meinen ehemaligen Chef ausgesprochene Anerkennung. Dennoch wirkt das Zeugnis auf mich wie ein Dokument aus einer anderen Welt. Denn welche der Tätigkeiten, frage ich mich, qualifizieren mich wirklich nachhaltig, d.h. auch in meinem neuen Berufsfeld, in eventuell noch weiteren Tätigkeiten? Ist das eine oder andere, in dem ich mir über Jahre Kompetenzen und Erfahrung aufgebaut habe, und das für einen speziellen Sender erfolgreich war, nicht schlicht für die Katz?
Mag sein. Aber ich stehe nach wie vor dazu, dass ich diesen Beruf verlassen habe. Die 40 Stichpunkte, die meine einzelnen Aufgaben beschreiben, waren immerhin der Grund die Notbremse zu ziehen. Nicht jeder für sich, aber alle zusammen. Vor allem in der Menge. Das Immer-mehr-Tun der letzten Jahre hat mir den Blick auf meine veränderten Bedürfnisse verstellt: Dass ich den Themen, den Menschen und dem Vermitteln von Inhalten anders gerecht werden möchte. Mit Zeit, Reflexion, und im Miteinander.

  • Dass ich Menschen nicht mehr als abstrakte Menge von mehr oder weniger Hörern betrachte, die diese oder jene Interessen haben, die sie für diese oder jene Werbekunden interessant macht
  • Dass ich Themen nicht mehr als Auswahl von Agenturmeldungen betrachte, die diesen oder jenen Hörer ansprechen, weshalb er den darauffolgenden Werbespot auch noch anhört
  • Dass ich ernsthafte Entwicklungen in Deutschland und der Welt nicht mehr auf Deubel komm raus unterhaltsam umsetze, damit niemand abschaltet und beim nächsten Werbeblock fehlt. Und, egal wie komplex, bitte in 2:30.

So ist das Radioleben, und ich kenne es und kann es, aber ich will es nicht mehr.

Ich bin sehr dankbar, dass ich die Kraft hatte das durchziehen zu können, was in den letzten Monaten geschehen ist. Ich bin dankbar für den neuen Beruf, der mir das bietet, was ich suche, und in dem ich den nächsten Jahren vielleicht neue Fähigkeiten entdecke, die meinem Arbeitgeber zum Erfolg verhelfen.
Vielleicht ist das Arbeitszeugnis aus dem Sender irgendwann ein Rückfahrtschein in den Journalismus. Ich hoffe, es ist zumindest eine gelochte Fahrkarte auf meinem Berufsweg, die zeigt: Da war der Herr Brendel schon einmal, und das hat er mitgebracht.

Der Weg zum Geschwisterdiplom

Meine Frau hat unserem Sohn eine Babypuppe gekauft. Zunächst war skeptisch, weil ich nicht sicher war, ob unser Sohn mit so einem Spielzeug etwas anfangen kann. Dabei wurde die Puppe gar nicht als Spielzeug gekauft – eher als Crash Test Dummy.

Immerhin soll unser Kleiner in fünf Wochen seine kleine Schwester auf dem Arm halten können. Ohne dass eine von den beiden kaputt geht. Meine Frau hatte ihm gezeigt, dass man Säuglingen den Kopf stützen und sie sanft behandeln müsse. Bei der Präsentation der Ergebnisse aus dem Säuglingspflegekurs am Abendbrottisch hat der große Bruder aber eher den Rüpel raushängen lassen. Die Kleine am Arm durch die Gegend tragen? Klar! Ihr die Backen zusammendrücken, damit der verdammte Plastikschnulli besser in den Mund passt? Selbstverständlich!

Die Auswertung des Crash Tests steht noch aus, ich werde sie nachreichen.

Aber als er seine silikonige Probeschwester behutsam über der Schulter legte um ihr ein Bäuerchen zu entlocken, war ich doch schwer gerührt. Und das, was in wenigen Wochen auf uns zukommt, schien mir zum ersten Mal sehr real: Dass wir dann zu viert sind. Hoffentlich geht alles gut!

Let there be Kurs

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Ich bin schon etwas gespannt. Gleich beginnt mein erster Kurs mit 100 Teilnehmern. Powerpoint ist vorbereitet, die Technik läuft, die Listen liegen aus und ich sitze hinter der Aula und genieße meinen Kaffee, während es im Haus ganz ruhig ist. Noch. Die nächsten dreieinhalb Tage dürfte das anders sein.