Küchenausstellung

 

8.327 Euro und 49 Cent für vier Wochen… das macht dann 174.867 Euro für 21 Wochen, also für die Zeit, die wir schon im „Schaufenster“ wohnen. Beziehungsweise kochen, spülen und speisen, denn unsere Küche im Erdgeschoss hat aus Gründen der Helligkeit keine Vorhänge – und ist somit von der Nachbarschaft gut einsehbar. Und von Außen kommt man bis direkt an die Scheibe dran. Das führt häufig zu netten Fensterpläuschen mit den Nachbarn. Die sind wirklich nett, auch beim Mittagessen oder beim Frühstück. Dennoch mussten wir uns an diese bedingungslose Transparenz anfangs erst gewöhnen, schließlich werden jegliche Lebens- und Kleidungsgewohnheiten offengelegt, wenn die Küche und damit die „gute Stube“ offengelegt wird.

„Was? Die essen schon wieder Nudeln mit Soße?“
„Boah, Frühstück erst um 11? Müssen die denn nicht in die Kirche?“
„Oh, Rechtsträger.“

Also Sachen, die auf Küchenstockwerk 1 und höher privat bleiben.

Aber die netten Pläuschchen wiegen die Tatsache, dass wir unfreiwillig Akteure einer Küchen-Peepshow sind, wieder auf.
Trotzdem können wir die 175 Mille ja mitnehmen, oder?
Okay, können wir nicht.

Die Aktion, für 10.000 Schweizerfranken vier Wochen in einem Schaufenster zu wohnen, kommt aus dem Jahre 1998. Und die wurde am dritten Tag abgebrochen, weil der Medienhype zu groß geworden war.
Lokalfernsehen, Bürgerfunk und Tageszeitung haben bei uns hingegen noch nicht vorbeigeschaut.
Und das ist uns, ehrlich gesagt, auch ganz recht.
Morgen Mittag gibt’s übrigens wieder Nudeln. Falls es jemanden interessiert.

 

Zum Urteil gegen Pussy Riot

Vergangenen Dienstag vor vor 63 Jahren wurde der erste deutsche Bundestag gewählt. Und auch wenn im ersten Bundestag noch immer NS-Täter, -Mitwisser und -Mitläufer saßen, war mit diesen Wahlen die Zeit eines totalitären Deutschlands vorbei. Die Demokratie, die uns bis heute weitgehende Freiheit und Mitbestimmung garantiert, wurde institutionalisiert. Ich freue mich heute besonders darüber in Deutschland leben zu dürfen, denn in einem anderen Land, das sich ebenfalls als demokratisch bezeichnet, saßen in den letzten sechs Monaten drei politisch engagierte Menschen in U-Haft, weil sie für Freiheit und gegen den Präsidenten protestiert hatten – und die Kirche kritisiert hatten, auf die der Präsident ihrer Meinung nach Einfluss nimmt. Es geht um die russische Band Pussy Riot, die im Februar in einer Kathedrale ein Gebet gegen Präsident Putin und das Fehlverhalten der orthodoxen Kirche gesungen hat und heute wegen Rowdytum und religiöser Anstachelung zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde.
Ihr Vergehen:

„Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin!
Schwarzer Priesterrock, goldene Schulterklappen,
alle Pfarrkinder kriechen zur Verbeugung,
das Gespenst der Freiheit im Himmel
Homosexuelle werden in Ketten nach Sibirien geschickt.
Der KGB-Chef ist euer oberster Heiliger,
er steckt die Demonstranten ins Gefängnis.
Um den Heiligsten nicht zu betrüben, müssen Frauen gebären und lieben.
Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck! Göttlicher Dreck, Dreck, Dreck!
Mutter Gottes, du Jungfrau, werde Feministin, werde Feministin, werde Feministin!
Kirchlicher Lobgesang für die verfaulten Führer,
Kreuzzug aus schwarzen Limousinen.
In die Schule kommt der Pfarrer,
geh zum Unterricht, bring ihm Geld.
Der Patriarch glaubt an Putin. Besser sollte er, der Hund, an Gott glauben.
Der Gürtel der Seligen Jungfrau ersetzt keine Demonstrationen,
die Jungfrau Maria ist bei den Protesten mit uns!
Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin!“

Ist das, was Pussy Riot veranstaltet hat, legitime Kritik an einem demokratisch gewählten Führer?

Darf die orthodoxe Kirche für einen falschen Weg kritisiert werden? Ist das überhaupt ein legitimes Gebet – oder Blasphemie, wie die orthodoxe Kirchenführung behauptet? Macht der Ton die Musik?
Oder ist das etwa nur PR?

Ich kenne die Frauen natürlich nicht und Russland viel, viel zu wenig, um mir eine ernsthafte Analyse des Falls zuzutrauen.
Doch auf jeden Fall ist das, was die Frauen gemacht haben, Provokation. Zielgerichtete und mutige Provokation. Denn wenn die Frauen ihre Forderungen auf einer Demo kundgetan hätten, wären sie zwar auch auf der Anklagebank, aber vermutlich würde es keiner mitkriegen, so häufig wie das offenbar geschieht. Und dann hätte der Protest keine Wirkung.

Zunächst dachte ich, die Frauen hätten Putin mit der Art und Weise ihres Protests einen Gefallen getan. Weil der sich so unter dem Deckmantel religiösen Anstands dreier Gegnerinnen entledigen könnte. Aber die wachsende internationale Aufmerksamkeit drängte den Präsidenten immer mehr an die Wand. Soweit, dass er schließlich Milde für die Frauen forderte (nachdem er mit David Cameron geredet hat). Putin hat verloren. Zwei Jahre für Staatsfeinde? Für wen hat Russland denn dann Straflager?

Aber wie wäre es, wenn das Gebet neben allem Tabubruch ein ernst gemeinter Hilferuf wäre? Denn wen sonst – wenn nicht Gott, wenn nicht die Gottesmutter – darf man um Heilung der kranken Kirche bitten? Und: Wer sonst kann Russland echte Demokratie bringen, wenn es Wahlen nicht können? Sicher bin ich mir, dass die Gottesmutter – wie von den Musikerinnen besungen – auf der Seite der Demonstranten steht, die in Russland fast täglich für freie Wahlen, für die Rechte Homosexueller und gegen staatliche Willkür kämpfen.

Zwei Jahre müssen die drei Angeklagten in den Knast. Wie vom Präsidenten gewünscht tatsächlich ein mildes Urteil, wenn man das mit dem Fall Chordokowski vergleicht, der vor demselben Gericht verhandelt wurde. Ein hartes Urteil freilich, wenn Mütter von vier und fünfjährigen Kindern ins Kittchen müssen für etwas, was im demokratischen Teil der Welt straffrei ist.

Ich habe Respekt vor dem Mut der Frauen und hoffe, ihr Gebet zeigt nachhaltig Wirkung. Dass die täglichen Proteste von den internationalen Medien, vor allem aber von dem großen Teil der russischen Bevölkerung, die in Putin offenbar Sicherheit und ein Stückchen Russisches Reich verwirklicht sehen, künftig eher wahr genommen werden.

Woher meine Hoffnung kommt, obwohl ich das Land so wenig kenne? Aus dem Wissen, dass so genannte Störenfriede, religiöse Anstacheler schon mehrmals in der Weltgeschichte wirkliche Veränderungen gebracht haben.

(Aktualisiertes Manuskript eines geistlichen Impulses, den ich diese Woche fürs  Mitarbeitergespräch gestaltet habe.)

Jazzrock für die Damen

Darf man Damen im besten Alter mit Jazzrock kommen – in einer Andacht?
Ich gestalte diese Woche den Morgenimpuls in der Kapelle, und weil heute Mariä Himmelfahrt ist, habe ich 14 Teilnehmerinnen eines Tanzseminars Bachs „Ave Maria“ der niederländischen Jazzrockformation Ekseption vorgespielt. Aufnahmedatum 1971. Ich habe mich ein bisschen schwer getan das Stück zielgruppengemäß anzumoderieren. Deshalb habe ich mich für die rhetorisch brillante Formulierung „das Ave Maria in einer etwas anderen Version“ entschieden.

Das erhoffte rhythmische Mitwippen blieb leider aus – vermutlich aus Ehrfurcht vor der Gottesmutter oder dem alten Bach. Aber als ich in die Bank zurück kehrte, hörte ich mehrere „Guts“, begleitet von wohlwollendem Nicken. Das Experiment ist also gelungen, so etwas geht also mit Damen zwischen 50 und 70.
Das nächste Mal also Prog.