Süßigkeitenbauch durch Weihnachtsbrauch.

Ich will meine Kinder zu pragmatischen Menschen erziehen. Zu Menschen, die mit Eifer lieben, aber mit Vernunft handeln. Aber das ist gar nicht so leicht, wenn man mit der ungeschminkten Wirklichkeit fremder Weihnachtsbräuche konfrontiert wird. Und damit meine ich nicht Übers-Feuer-Springen oder Nackt-über-die-Kuhwiese-laufen, sondern die personifizierte, allwissende und allgütige Niedlichkeit. Genannt: Nikolaus, Weihnachtsmann, Christkind. Mir fehlt, so scheints, der rationelle, pädagogische und theologische Zugang zu diesen Traditionen.

Der Nikolaus fand am Abend des 6. Dezembers einen Zettel im Briefkasten einer befreundeten Familie, bei der wir zu Gast waren, und tat dann so, als wenn er wirklich wissen würde, welches der anwesenden Kinder noch Windeln trägt und welches lieb zu seiner Schwester ist. Meinen Sohn, der bislang mit der Nikolaustradition wenig zu tun hatte, hat das eher verstört denn erfreut. Und als das Mädchen mit dem Nachthemd und den Winterschuhen in den Jutesack des schwarz angemalten und schwarz gekleideten dritten Laienschauspielers griff um eine Süßigkeitentüte herauszuholen, wich die Verstörtheit nur langsam der Freude über den Schlickerkram. Trotzdem: Auf meine Frage später am Abend, ob das denn der Nikolaus gewesen sei oder ein Mann in Nikolausverkleidung, sagte Sohnemann: Der Nikolaus. Das akzeptiere ich, genauso wie die Bereitschaft der Schauspieler einen Nachmittag lang in Eiseskälte und mit schweren Kostümen durchs Dorf zu ziehen, um Kinder zu erfreuen bzw. einen Reisigzweig auszuhändigen (in jedem Fall für 5 Euro pro Kind, habe ich gehört). Doch frage ich mich, was meinem Sohn der rote Mantel, der Bart und der Deal Süßes-für-Liebsein über den heiligen Nikolaus sagen kann.

Am Mittagstisch unter Kollegen waren unlängst Weihnachtsbräuche Thema. Und jeder, der dazu etwas sagte, berichtete von seinen Christkind-Vorstellungen. Eine Auszubildende sagte, sie und ihre Schwester würden nicht mehr an das Christkind glauben, der Chef berichtete, in seiner Familie gehöre das Christkind einfach zu Weihnachten dazu. Und unsere liebe Nachbarin sagte, sie würden diesen Brauch zuhause auch pflegen, obwohl er tatsächlich einer rationellen Überprüfung nicht Stand hielte.

Ich komm mir in solchen Situationen immer sehr ungebildet vor. Aber in unserer Familie gab es die Tradition eines Christkindes nicht. Ich würden den guten Martin Luther, auf den diese Tradition wohl zurückgeht, gerne einmal ausgiebig befragen. Offenbar ist das Christkind heutzutage ein Synonym für den neugeborenen Jesus, der aber mit den Fähigkeiten der Person ausgestattet ist, die in säkularisierten Kreisen Weihnachtsmann heißt: Also Geschenke zu bringen.
Das mag zu einem totalen Hirngespinst wie dem Weihnachtsmann ja passen, zu dem Kind in der Krippe aber nicht. Ich denke an die Millionen Wunschzettel, die das Christkind Jahr für Jahr bekommt, und frage mich: Was hat das Wunder von Betlehem, was hat Jesu Lebensweise, Jesu Tod und Jesu Auferstehung mit einem Ipod Touch zu tun? Mit einem Barbie Glam House? Oder, bitteschön, mit einem Pony? Nix.

Mag sein, dass mir die Dimension für das Traditionelle oder den Volksglauben fehlt. Aber ich denke, das Emsland ist ein guter Ort sich diesem Defizit zu stellen.

35. In Worten: Fünfunddreißig.

Erschreckend in meinem Posteingang zu sehen, bei welchen Diensten ich mein Geburts(tags)tags hinterlegt habe. Und die man doch zum ersten mal hört.

Ja, ich bin jetzt 35. 38 Personen haben mir auf Facebook gratuliert, die Kollegen haben mir ein Ständchen auf dem Flur gesungen, ich habe viele liebe Worte und Glückwünsche entgegengenommen und mich sehr gefreut.

Und ich wurde gefragt, ob die 35 nun ein Grund für eine erste Midlifecrisis sei, von wegen: Auf die 40 zu und so. Das ist sie mitnichten. Ich habe eine tolle Familie und seit kurzem sogar ein Reihenhaus und einen Kombi. Zumindest bestellt. Mit 35 kann ich mich also gut fühlen. Und tu das auch. Also: Danke für die Glückwünsche!

Edit: 48 Facebookglückwünsche. Es ist übrigens der erste Geburtstag, an dem ich keinen Geburtstagsbrief bekommen habe – außer den von der Autoversicherung, die den Satz zum 1.1. um 150,- Euro erhöhen will. Aber der kann mir meine Laune nicht verderben. Habe gekündigt.

Emslandman in Berlin

24 Stunden wollte ich meinen Freunden widmen – meinen Freunden und Freundinnen, die ich in Berlin gefunden habe oder die dort heute leben. Und die zum Teil ehemals Kollegen waren. Der Besuch im Sender am Mittwoch war, als sei ich nie weg gewesen. Als hätte ich diesen Blog nie angefangen, mit den ersten Artikeln voller Ambivalenz, voller Zerrissensein zwischen Perspektive und Angst, mit den Artikeln zu Umzug, den ersten Integrationsbemühungen, dem ersten Arbeitstag und dem sich herausbildenden Gefühl des „Ich bin richtig hier“.

Als ich die Redaktion betrat, waren die Kollegen zufällig in einer Planungskonferenz für die kommenden On- und Off-Air-Aktionen. Der Geschäftsführer lud mich ein daran teilzunehmen, das tat ich – und fühlte mich seltsam richtig am Platz. Ich machte meine Bemerkungen und meine Vorschläge, so wie ich es in dieser Runde schon ‚zig mal gemacht habe. Allerdings nicht ohne das beruhigende Wissen, dass ich sämtliche Ideen auf den fünf Flipchartbögen nicht umsetzen muss. Ich war ein vom seinem Weggang überzeugter überzeugter Heimkommender. Unter diesem Vorzeichen standen auch zwei weitere Treffen mit alten Freundinnen und Freunden: Sie waren erfreulich vertraut und gleichzeitig eigenartig…. anders? Nein, ich würde für mich sogar sagen: Durch meine neue Perspektive bereichert.

Zurück im Auenland, zurück blickend auf fünf Tage in Berlin komme ich zu der Erkenntnis, dass ich keinen der vielen Momente, die ich hier zwischen Juni 2000 und April 2012 erlebt habe, missen möchte. Jedes kleine oder große Erlebnis, jeder Glücksmoment, jedes Ärgernis, jede Fehler und jede Träne – jeder Tag, und sei er noch so sehr Alltag, hat mich mit der Stadt verbunden. Ich weiß nun, dass in keiner anderen Stadt der Welt als Berlin leben will. Und in keinem anderen Land als dem Emsland.