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rock

Die Veranstaltungsredaktion meines ehemaligen Arbeitgebers hantiert mit ungefähr 30 verschiedenen Stilbezeichnungen der Rockmusik: Grunge, Neopsychedelic, Numetal, Death Metal, Trash Metal, Doom Metal, Post Math, Symphonic Prog. Und so weiter. Allesamt natürlich Schubladen, die den genuinen Klang einer einzelnen Band nur sehr grob beschreibt. Aber immerhin ein Hinweis darauf, dass Rock nicht gleich Rock ist. Wie der heutige Veranstaltungshinweis in der lokalen Tageszeitung vermuten lässt.

Wegen dieses vielfältigen kulturellen Angebots liebe ich Berlin. Alle vier bis sechs Wochen war ich in den letzten Jahren auf einem Konzert und habe dadurch viele ungreifbar schöne Momente erlebt. Nun hängt mein Herz blöderweise auch an einer Musikrichtung, der nicht zu den populärsten gehört: Progressiv Rock. Dennoch: Einige nennenswerte Künstler und Gruppen gibt’s da durchaus, und sie gehen wie alle Musiker, die heute noch Geld verdienen wollen, auf Tournee.
Nur nicht durchs Emsland.
Ein dicker Minuspunkt, wenngleich er mir vorher bekannt war.

Der gilt freilich nicht nur für Randspartenrocker – Rock scheint im westlichen Niedersachsen grundsätzlich keine Rolle zu spielen. Und wenn die Tageszeitung in der Artikelüberschrift dann noch diese feine Differenzierung macht – meint ihr, es kommt jemand zu einem Konzert, auf dem „Amerikanischer Rock“ gespielt wird?

Kassetten, nur nicht so Achtziger

Ich bin niemand, der die Kassette als Tonträger verklärt. Es gibt ja so einige Zeitgenossen, die mit Wehmut an selbst zusammengestellte Lieblingskassetten denken, mit deren Hilfe sie in der Clique weiter aufgestiegen sind oder das Herz eines schönen Mädchens erobert haben. Ich kenne auch einige, die bei der Schilderung ihrer Kassettengeschichten feuchte Finger bekommen, weil das punkgenaue Auslösen von REC+PLAY Taste damals über Gelingen oder Misslingen einer guten Mixkassette entschieden hat.

by dno1967b / flickr.com

Als Kind der Achtziger habe ich die die Kassette als de facto einziges wiederbeschreibbares Medium geschätzt, habe hunderte BASF (rot), TDK (silber) oder AGFA (orange)-Bänder gekauft, habe gelernt, dass ein Herausbrechen der beiden Plastiknasen auf der Oberseite auch eine Nicht-Leerkassette beschreibbar macht, habe auf Chromdioxid meine Kompositionen aufgenommen und auf Ferrum Kopien angefertigt.

Ich habe als Jugendlicher auch den Untergang der Kassette miterlebt. Bei aller Bescheidenheit: Ich habe ihn mit eingeläutet! Als einer der ersten in meiner Clique bin ich auf Digitalkassette umgestiegen, genannt: DCC. Technologiegeschichtlich ein absoluter Rohrkrepierer, aber für einige Monate eine kleine Hifi-Revolution (Aufnehmen ohne Rauschen!). Habe dann für 450 hart ersparte Mark in Münster einen Minidiscrecorder gekauft und während ein bis zwei Jahren tatsächlich meine Musiksammlung auf 200 Minidisks überspielt. Ein heidenteurer Spaß damals, kostete eine Disk doch 7 Mark.

Heute lagern diese Disks eingemottet im Keller. Neben allen meinen CDs.
Meine Musik liegt heutzutage auf der Platte oder in der Cloud.

Doch: Geht da nicht was verloren? Allerdings. Wenn auch nicht mir, sondern meinem Sohn, der mit MP3-Dateien und Spotify in seinem ihm zugestandenen Analphabetismus einfach nichts anzufangen weiß.

Also nochmal zurück in meine Kindheit.
Verklärung hin oder her: Für mich bedeuteten Kassetten Freiheit. Musik und Hörspiele dann hören zu können, wenn ich es wollte. Bei Langspielplatten musste mir damals meine Mutter helfen, die gingen so schnell kaputt, und das Hörern ging auch nur im Wohnzimmer. Aber den Inhalt meines Kassettenkoffers, eines Plastikdings aus weißgelbgestreiftem PVC, hatte ich verfügbar, wann und (dank Walkman. In taubenblau mit Autoreverse) wo ich wollte.
In diese Zeit möchte ich meinen Sohn nicht zurückschicken. Kann ich auch gar nicht – zum einen, weil ich meine alten Kassetten nicht mehr habe, geschweige denn einen Kassettenspieler, aber auch, weil Kassetten nunmal unzuverlässig waren. Bandsalat. Leiern. Mit der Zeit Qualitätsverlust. In den vergangenen Monaten, seit ihn Hörspiele interessieren (vor allem Bibi Blocksberg. Meine Frau, auch so ein Kassettenkind, kann jede Folge mitsprechen!), habe ich ihm über den PC ein Hörspiel als MP3 angemacht, dass ich preiswert erstehen konnte. So lief in meinem Arbeitszimmer also ein alter Laptop, der über Kabel unter der Tür auf Lautsprechern in seinem Kinderzimmer Bibi oder Benjamin abspielte.
Es ging, aber mit Freiheit war da nix.
Seit heute wohl.

Ich habe für 50 Euro ein preiswertes Android-Tablet erstanden, alle Hörspiel-Downloads (3 Euro pro Folge – waren die Kassetten damals auch so preiswert?) auf eine SD-Karte gepackt und selbige ins Tablet gesteckt. Ich habe eine passende Musik-App gesucht (gar nicht so leicht: Eine, für die man nicht lesen können muss!), eine Kindersicherung installiert, damit der Kleine nicht den Appstore leerkauft oder Datingportale unsicher macht. Und schließlich WLAN deaktiviert, um ihn keiner unnötigen Strahlung auszusetzen (bzw. meine Elektrosmog-Paranoia zu beruhigen).

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Was hat er jetzt? Eine Hörspielbibliothek, die er über die Titelbilder zu den Folgen per Touchscreen selbst bedienen kann! Er hat sich wirklich sehr gefreut – und ich mich auch: Darüber die Vorteile der analogen und digitalen Welt kombiniert zu haben und meinem Sohn das bieten zu können, was meine Kindheit bereichert hat. Nur komfortabler. Und ich habe mich darüber gefreut, dass ich noch so viele Kindheitserinnerungen habe. Ob mein Sohn in 31 Jahren auch einen Blogeintrag schreibt?
– Blog, Papa? Was war das denn für eine Zeit?