War Hiob Spartaner?

„Ja, klar, alles schön ordentlich, schließlich ist ja morgen Feiertag, da will man doch, dass die Bude schön aussieht!“
Nur, falls mich jemand fragt, wie es derzeit bei uns aussieht.
Ich gebe zu, in der nicht sonderlich begründeten Angst, dass der Umzug wie eine Walze auf uns zukommt und ich bis Freitagmittag, wenn die Helfer anrücken, noch nichts gepackt habe, tue ich ebendies bereits seit zwei Wochen. Und dass ich jetzt, drei Tage vor dem Umzug, mein Arbeitszimmer einpacke, versteht meine Frau auch nicht so recht. Aber: Ich habe Gründe. Schließlich weiß man nie, was noch zu tun ist.

Die Wohnungsübergabe in unserem neuen Haus gestern war eine Katastrophe. Die Wände waren nur grob ausgebessert, Spinnweben hingen von der Decke, Schatten hingen dort, wo einst Lampen hingen. Und die Immobilienmaklerin behauptete: Mehr könnten wir nicht erwarten. Ich war und bin da unsicher, ob wir als Neumieter diesen Zustand als vertragsgemäß akzeptieren müssen. Das Übergabeprotokoll habe ich jedenfalls nur unter Vorbehalt unterschrieben, um den fotografisch dokumentierten Zustand der Bude prüfen zu lassen… bevor ich selbst zum Farbroller griff. Acht Stunden habe ich, unterstützt von meiner Mutter uns unserem ehemaligen Nachbarn, gestrichen. Die lillyfeelilanen Wände in den Kinderschlafzimmern konnte ich noch nicht überstreichen, weil dort millimeterdicke Teppichklebereste den Boden bedecken – und es sich kaum lohnt, mit Farbe anzurücken, wenn der Kleberest erst noch staubintensiv abgeschliffen werden muss. Was hat mich das gestern und heute für Nerven gekostet – die Frage, ob der Vormieter denn auch wirklich den Schleifer schwingt (seine mietrechtliche Pflicht), wir dann streichen können und am Donnerstag Laminat verlegt werden kann. Nun scheint es zu klappen, so dass ich morgen nachmittag wohl wieder zur Farbe greifen kann. Rosa für das Zimmer unserer Jüngsten, hellblau für das benachbarte Zimmer unseres Großen und für das Elternschlafzimmer ein atacama-beige.

Quatsch. Alles in weiß. Was die Wohnungseinrichtung angeht, sind meine Frau und ich (erfreulicherweise meist einer Meinung, und zwar) eher spartanisch eingestellt.

Wobei ich nicht weiß, ob die Spartaner weiße Wände hatten. Waren sicher getränkt vom Blut ihrer Feinde, oder?
Soweit wird es bei uns nicht kommen. Hoffe ich.

Der Umzug in unseren Köpfen

In unseren Gedanken sind wir bereits beim Umzug – mit unserem Herzen nicht. Meine Frau und ich haben nach wie vor absolut keine Lust. Das sind wir nicht gewohnt: Seit wir uns 2005 kennengelernt haben, hat meine Frau nachgezählt, sind wir sechs Mal umgezogen, immer mit einer Menge Lust auf Veränderung, mit Spaß beim Einrichten und mit dem guten Gefühl, dass wir es schön haben werden. Dieses Mal ist das, ich schrieb es bereits, anders. Meinungsverschiedenheiten mit dem Vormieter und, wie es aussieht, auch mit dem Vermieter bezüglich der Renovierungsarbeiten belasten uns, und wir sind unsicher, ob wir in den Stadtteil passen, in den wir ziehen, und ob wir unser schönes Dorf wirklich verlassen wollen.

Und so zwingen wir uns zu den Umzugsvorbereitungen, zum Kistenpacken, dort, wo wir schon Sachen einpacken können.
Wir haben eine To Do-Liste – im Kopf und auf Papier. Nur kann ich weder hier noch dort den Punkt „Auf das neue Zuhause freuen“ wieder finden…!

umzug_7tagevorher

Geld spielt eine Rolle.

„Jetzt weiß ich auch, welche Frau zu dir gehört!!!“

Was sollte ich da sagen, an der Kasse des Dorfsupermarktes, als mich die Kassiererin unerwartet persönlich ansprach? Immerhin war ich allein! Während ich die Milch und das Olivenöl vom Laufband holte, überlegte ich, wie ich reagieren sollte. Am naheliegensten wäre die Frage „Wer denn?“ gewesen, aber das hätte natürlich so gewirkt, als wüsste ich nicht, wer meine Frau ist. Ich hätte auch sagen können: „Na klar, die kleine Blonde mit den ausgelatschten Schuhen!“ oder schlicht: „… und ich weiß, wo du wohnst!“

Hätte gern mal ihr Gesicht gesehen.

Aber ich war ja auch neugierig, wie die Dame mich enttarnen konnte. Zum Glück lieferte Sie mir die Erklärung (sie hätte das ja auch auskosten können, im Laden war ja sonst kaum jemand): „Dieses Portemonnaie find ich so witzig!“

Na gut, das kleine Lederetui mit der Umhängelasche, das unser Haushaltsgeld birgt, hat sicher nicht jeder, aber sonderlich abgefahren ist es nicht. Auf jeden Fall nicht dieser Berliner Must-Have-Kram, handgenäht von Alternativmuttis in Prenzlauer Berg, die ihre total kreativen Ideen in einem Laden mit altdeutschen Vornamen verkaufen… es ist einfach ein schwarzes Lederportemonnaie zum Umhängen. Aber offenbar ist es so außergewöhnlich, dass die Supermarktangestellte über das Portemonnaie die Verbindung zwischen mir und meiner Frau herstellte. Ich überlegte, ob wir nie zusammen im Laden gewesen sind. Offenbar nicht während ihrer Schicht. „Ihr habt übrigens zwei ganz süße Kinder“, fuhr sie fort. „Und Henri ist so vernünftig!“
Ui. Die weiß ja alles von uns.

Nur nebenbei: Wir kennen die Frau nur als Kunden des Supermarktes, und siezen sie bis heute. Aber vielleicht hat sie einfach ein Mammutgedächtnis, gepaart mit einem feinen Auge für Details. Vielleicht ergibt sich es diese Art der Kundenansprache aber auch einfach aus einer überschaubaren Menge von Einkäufern im Dorf.
Das hat was trauriges, finde ich. Etwas amüsantes aber natürlich auch – wenn ich daran denke, dass das Portemonnaie als Zeichen unserer Ehe gilt. Romantisch, oder?