Einwanderungsland Auenland

Am vergangenen Wochenende hatten wir Besuch – nicht der übliche, wenn auch sehr angenehme Besuch aus der Familie oder von unseren lieben Ex-Nachbarn. Nein, so richtig von außerhalb! In Berlin war das nichts Ungewöhnliches. Umso mehr haben wir das Frühstück mit unseren Bekannten aus Süddeutschland genossen. Der Grund ihrer Reise waren nicht etwa das kulturelle Angebot, die Sehenswürdigkeiten, die Kneipenlandschaft oder ein Konzertbesuch – also „Berliner Gründe“, sondern: Die Überlegung ein Jobangebot im Emsland anzunehmen und hier hin zu ziehen! Die Wohnung in ihrer jetzigen Stadt sei zu klein, außerdem sei es dort nicht so grün wie hier, gerade im Blick auf die Kinder.
Die Gründe kamen mir seltsam bekannt vor.
Und so fand ich mich zum ersten Mal in der Rolle des Erzählenden – wie es hier so ist, wie aufgeschlossen die Einheimischen Zugezogenen gegenüber sind, wie das so ist mit der Kinderversorgung. Zum ersten Mal? Schreibe ich nicht seit März 2012 einen Blog darüber? Den kannten sie nicht. Zudem wurden im persönlichen Gespräch zwischen Cappucino und Croissant Aspekte des Auenlandlebens angesprochen, die ich bislang nie bedacht habe: Ob das hier keine fürchterlich konservative Gegend sei, zum Beispiel. Ist sie das? Dem Besuch gegenüber habe ich das schnell verneint. Etwas zu schnell vielleicht, denn die „Das war immer so“-Mentalität bricht sich ja durchaus hier und dort Bahn. Mein Blog sei Zeuge.

Die Entscheidung unserer Bekannten über einen Umzug ins Emsland ist noch nicht gefallen. Aber die Perspektive, hier nicht nur als zu Integrierender, sondern als Integrationshelfer tätig zu sein, finde ich reizvoll. Es wird sicher auch mein eigenes „Ankommen“ bereichern.

Geile Scheiße!

Welch ein Lob – Jahr nach meinem Ausscheiden aus dem Sender wird meine Arbeit dort noch gewürdigt. Zumindest die „geile Scheiße“, die ich mitveranstaltet habe. Das heißt im Radiojargon – bzw. im Sprachgebrauch meines ehemaligen Programmchefs, der die Berliner Radioszene zu einem guten Stück mitgeprägt hat und noch mitprägt – Verrückte Aktionen, Events, Beitragsreihen, Sendungsformate, die die Stammhörer binden, bei Hin-und-wieder-Hörer zu Stammhörern machen und alle anderen auf den Sender aufmerksam machen. Ich habe die Jahre über irrsinnig viel Spaß daran gehabt, solche Sachen zu brainstormen, auszuarbeiten und hinter oder vor dem Mikrofon, als Reporter,  als Chef vom Dienst oder mit der Videokamera umzusetzen und zu begleiten. Es war, um im Jargon zu bleiben, eine scheißgeile Zeit.

Doch jetzt – bleibt die Bitte meiner charmanten Kollegin und das wohlige Gefühl eines Gebauchpinseltwerdens aus der Ferne. Aber ich möchte keine geile Scheiße mehr machen.

In meinem neuen Job mache ich, glaube ich, solide Arbeit, habe gute Ideen und denke kreativ und ökonomisch. Und der Umgang mit den Menschen von Angesicht zu Angesicht bereichert mich enorm. Wenn ich die beiden Jobs betrachte, ist mein jetziger vielleicht erwachsener – während die flotte, wuselige, bunte Welt des Berliner Unterhaltungsradios doch eher hedonistisch-jugendlichen Charme versprüht.
Ich habe nie daraus einen Hehl gemacht, dass ich irgendwann gerne wieder als Journalist arbeiten möchte, und sehr gerne auch im Radio. Da steckt meine Leidenschaft und meine Profession.
Aber die Zeit der geilen Scheiße ist um.
Die würde ich eh mit niemand anderem machen als mit meiner meiner charmanten Kollegin, meiner alten Redaktion und in der bunten Welt der Berliner Unterhaltungsradios.

Arrogantes Großmachtgetue.

GCHQ-aerial

Government Communications Headquarters in Cheltenham/GB. Quelle: Ministry of Defence (http://www.defenceimagery.mod.uk/), über Wikimedia Commons

Ich habe gerade eine Email an meinen besten Freund verfasst und beim Schreiben gemerkt, wie stinksauer ich über den Prism/Tempora-Skandal bin.

Ich war noch nie so enttäuscht von der neuzeitlichen Weltordnung wie derzeit. Die Briten, Amerikaner und andere Geheimdienste fischen die Verbindungs- oder sogar alle Daten der weltweiten Internetkommunikation ab – und begründen das mit dem Schutz vor Terror. Dabei hat niemand der in Deutschland bespitzelten Bürger sie darum gebeten! So etwas ist hier verboten, aus gutem Grund, und ich bin dankbar dafür, dass ich ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung habe. Gleichwohl bin bin ich sicher, dass die deutschen Geheimdienste von den Ausspähungen ihrer Partner „profitieren“ – gemessen an dem Motiv.
Deshalb bin ich ebenso ebenso überzeugt davon, dass die deutsche bzw. europäische Politik hier nicht wirklich eingreifen wird. Und das schmerzt, denn ich halte große Stücke auf unser politisches System. Den großen Knall, den dieser Skandal im globalpolitischen Gefüge eigentlich hervorrufen müsste, wird zugunsten guter Wirtschafts- und Militärbeziehungen garantiert ausfallen. Meine Güte, ich klinge wie ein Linker!

Auch meine – Michael Brendels – Daten werden in Washington ausgewertet oder in London sogar ganz dreist einfach mitgeschnitten. Die Briten kennen den Inhalt meiner privaten Emails, kennen meine Fotos und Bankverbindungen, meine PINS, TANs und Sicherheitsschlüssel, alles. Die Amerikaner wissen zumindest, wann ich auf welcher Internetseite war. Ich finde keine Worte, wieviel Abscheu ich dafür empfinde.

Ich spiele tatsächlich mit dem Gedanken, als Zeichen meiner tiefsten Ablehnug meinen kompletten Datenverkehr zu verschlüsseln. Vielleicht wäre es aber hilfreicher, einen kurzen Text auf Englisch zu verfassen, in dem ich das Vorgehen der Geheimdienste verurteile und auf meine Bürgerrechte bestehe. Und den dann in 500 MB-Paketen verpacke (500 MB voll mit diesem Text), sie „Terror gegen Bürgerrechte“ nenne und in all meine Cloudspeicher lege, bis sie wiederum voll sind. Und dazu eine Facebookkampagne starte, dass alle das machen. Die Chance steigt, dass einer dieser arroganten, aktivistischen, großmachtgläubigen Geheimdienstler in London oder Washington unseren Protest zur Kenntnis nimmt.

Und dann? Werden wir weiter bespitzelt werden, da bin ich sicher.
Ich glaube, das Internet steht am Beginn einer neuen Ära. Der Ära des Misstrauens gegen die Behörden, der Introvertiertheit der Nutzer… und vielleicht: Des Datenschutzes.
Den freilich auch Terroristen anwenden.

P.S.: Mir fällt auf, dass das Luftbild der GQHC-Zentrale wie das Symbol des Google-Browsers „Chrome“ aussieht. Bestimmt nur Zufall.