Kanalgeschichte

Ich liebe meinen Arbeitsweg am Kanal entlang. Auf meinen Ohren Progressivrock, unter dem Vorderrad der alte Treidelpfad und links und rechts hohe Bäume. Doch manchmal passieren in dieser lieb gewonnenen Routine richtig wesentliche Dinge.

Heute habe ich Steffi hinter mir gelassen.

Wusste gar nicht, dass Lastkähne so langsam sind.

Turbulenzen unter der Ems

Dass Ems, Wald und Rathaus nur wenige hundert Meter von zuhause entfernt sind, ich mit dem Rad 10 Minuten am Kanal lang bis zur Arbeit fahre, dass hier alles so idyllisch ist – das alles täuscht leicht darüber hinweg, wie groß das Auenland ist. Es erstreckt sich über fast 100 Kilometer entlang der niederländischen Grenze von Süden nach Norden. Und was das heißt, wenn man von 100 Kilometer von Süden nach Norden fährt, habe ich heute erfahren: Man fährt eine Stunde durchs Nichts – durchs wunderschöne Nichts! Felder, Kühe, Windräder und ein paar Biogasanlagen, mehr sieht man nicht. Doch das genügt – denn in der Abenddämmerung durch diese Landschaft zu fahren, und zwar auf einer zu dieser Zeit chronisch leeren Autobahn, ist unbezahlbar schön.

Dass Image der Rückständigkeit, dass man landwirtschaftlich geprägten Regionen ja gerne anhängt, sollte durch die überall sichtbaren erneuerbaren Energien ja widerlegt sein. Okay, ein paar Beispiele für eine gewisse, sagen wir, Skepsis gegenüber dem Zeitgeist fallen mir schon ein, aber in vielen Punkten ist die Gegend hier tatsächlich ganz vorne mit dabei. Zum Beispiel gibt es auf der ganzen Strecke mobiles Internet, was mich als passionierter Spotify-Nutzer überrascht und gleichzeitig gefreut hat. LTE oder HSDPA, mindestens aber eine gute EDGE-Verbindung auf der ganzen Strecke, und sogar grenzübergreifend! Denn selbst im Leeraner Emstunnel (Leer liegt in Ostfriesland), 15 Meter unter dem Meeresspiegel, riss der Musikstream des grandiosen Albums „Six Degrees of inner Turbulence“ von Dream Theater nicht ab!

Ich werde mich zum Musikhören also auf die Autobahn zurück ziehen. In unserer Wohnsiedlung habe ich nämlich einen fürchterlich schlechten mobilen Empfang.
Eine Kuh im Niemandsland müsste man sein.

Wie lautet Komparativ von „Land“?

Gülle wird aufgebracht / Ra Boe, C BY-SA 3.0Ich hab viel Land erlebt im letzten Jahr: Ich habe Maisfelder gesehen, soweit das Auge reicht, ich habe Biogasanlagen gluckern gehört, Kühen auf der Weide beim wiederkäusen zugeschaut und Trecker auf der Bundesstraße von hinten beobachtet – all das ist mir im sechzehnten Monat als Auenländer bestens bekannt.
Aber dass ich morgens um 6 von Güllegestank geweckt werde, der durch das Fenster weht, ist mir noch nicht passiert.
Im Oldenburger Münsterland, wo ich dienstbedingt eine Nacht übernachtet habe, ist es mir passiert. Es geht also noch „landiger“. Wird hiermit – und einem verschmitzten Grinsen – notiert.