Bei uns macht man das so.

So, und nicht anders? (Axel Schwenke, CC BY-SA 2.0)

Gibt es „den Emsländer“? Wenn ich ein Gespräch im Kindergarten richtig verstanden habe, dann: ja. Und wenn ich weiter richtig verstanden habe, sollten alle Nicht-Emsländer dieses Stereotyp anstreben bzw. sich ihm beugen, wenn sie dazu gehören wollte.

„Bei uns im Emsland gehen die Jungs in den Fußballverein“, hieß es da. Und dass Jungs im Kindergartenalter mit Jungs spielen sollten, denn ein Junge, der singt und tanzt, würde von den anderen (sozialisierten, war wohl gemeint) Jungs nicht ernst genommen – und von den Mädchen später auch nicht, weil er sich (singend und tanzend) ja wie ein Mädchen benehmen würde. Judo könnte es übrigens auch sein. Sonst würde ein Junge keine Freunde finden und müsste sich seine Freundschaft erkaufen, zum Beispiel in dem er in der Schule abschreiben lässt.

Mit Respekt allen Emsländern gegenüber, die ich in den vergangenen Monaten sehr schätzen gelernt habe: Das, was ich im Kindergarten mitbekommen habe, ist riesengroßer Blödsinn. Und es regt mich unglaublich auf. Solch eine Sichtweise stößt allen Integrationswilligen vor den Kopf stößt, weil sie den Fehler beinhaltet, wegen dem Integration häufig scheitert: Weil Integration mit Assimilation verwechselt wird. Weil das Eingliedern in eine Gesellschaft, Subkultur oder Lebensart nicht durch gegenseitige Befruchtung stattfindet, was die Horizonte auf beiden Seiten weitet, sondern nur dann möglich ist, wenn die Integrationswilligen sich soweit anpassen, bis sie ihre bisherige Identität, Herkunft, vergessen haben. Solch eine Ansicht macht allen Integrationswilligen Angst, lässt sie sich fremd fühlen und lässt als Schutz Integrations-Unwillen keimen.

Rantadi,

rantadi, CC BY 2.0

Mir geht es gerade so. Ich bin sauer, dass ich dem, der so redet, nicht einmal etwas entgegen bringen konnte. Und doch habe ich Angst, dass er Recht hat. Dass das Emsland wirklich so tickt – dass es keine Abweichungen von festen (konservativen) Jungen-, Mädchen-, Frauen- und Männerrollen zulässt.

Dass der Horizont zwar voller Windräder ist, aber kein frischer Wind reinkommt.
Ich hoffe, ich täusche mich.

 

Ein musikalischer Grenzgänger.

Das Land verlassen, um gute Musik zu hören… das klingt ein bisschen nach DDR, ein bisschen nach China, ein bisschen nach Nordkorea, oder? Aber hier in der Region gibt es, ich schrieb davon, wenig Konzerte von Bands meiner bevorzugten Musikrichtung Progressivrock, und die Superstars des Rock verlieren sich ebenfalls selten in das Land zwischen Ems und Acker.
Also musste ich am Samstag ins holländische Zwolle, um Deep Purple zu sehen. Auch wenn mir das Konzert nicht so gut gefallen hat wie die beiden vorherigen, die ich in Berlin sehen durfte – das Konzert krankte an den vielen Instrumentalsolos, die wohl den alten Mann hinterm Mikrofon schonen sollten – tat der Abend unwahrscheinlich gut.

Das Gefühl, unter meinesgleichen zu sein, was ja in der Regel zu den Motiven eines Konzertbesuchs zählt, stellte sich jedoch nicht ein. Das hat nicht mit den Niederländern um mich herum zu tun, sondern mit -anz.
Entweder deren Ignoranz oder meiner Arroganz.

Don Airey, der großartige Organist von Deep Purple, baute in eines seiner Soli ein Motiv von Focus‘ „Sylvia“ ein, also von der holländischen Progband. Während ich vor Freude über diese ehrenvolle Reminiszenz innerlich Purzelbäume machte, klatschte keiner der neben mir stehenden Zuhörer. Ich vermute, weil das Motiv keiner erkannte. Ob ich der einzige war, der des Progs wegen zu Deep Purple gegangen war?

Wie dem auch sei: Wenn ich an die in Trance tanzende Gruppe von MIttfünfzigern vor mir denke oder die Bier-um-Bier-kippende Motorradtruppe hinter mir, vermute ich, dass an diesem Abend jeder Konzertbesucher auf seine Kosten kam. Jeder auf seine Weise. Diesseits oder jenseits der Grenze.