„Sie sind jung, sie schaffen das“ Update

Der Ärztemangel auf dem Land ist mir bekannt. Erst letzte Woche habe ich ihn zu spüren bekommen, als ich einen Termin wahrgenommen habe, auf den ich viereinhalb (!) Monate gewartet habe – bei einem normalen Facharzt! Dass in einem Mittelzentrum wie dem, in dem wir leben, aber nicht nur Ärzte-, sondern auch Versorgungsmangel herrscht, hat mich ziemlich überrascht. Und die Art, wie wir davon erfahren kann, hat mich tief erschüttert.

Meine Frau hat eine schwere Bronchitis. Trotz mehrerer Arztbesuche und entsprechender Medikation wird sie einfach nicht besser. Vorletzte Nacht war die Atemnot so schlimm, dass wir die 112 gerufen haben. Rettungswagen, Blaulicht, Dreimannbesatzung – soviel Action erlebt unsere Spielstraße morgens um 4 eher selten! Die Sanitäter nahmen sie mit ins Krankenhaus – ich blieb bei den Kindern daheim – und wir richteten uns alle auf einen mehrtägigen Krankenhausaufenthalt ein. Auch die Ärztin in der Notaufnahme sah keinen anderen Ausweg: Spastischer Husten, intravenöses Antibiotikum, das geht nicht anders, sagte sie. Bis sie kein Bett im Krankenhaus mehr fand. Nur für Privatpatienten waren noch welche da.
Sie setzte meine Frau mit den Worten „Sie sind jung, sie schaffen das auch zuhause“ vor die Tür.

Vermutlich weiß sie nicht, wie anstrengend der Alltag mit zwei Kleinkindern ist. Bis heute ist der Husten zuhause auf jeden Fall nicht besser geworden. Vor allem aber kommt es uns so vor, als seien wir als Normalpatienten nicht mehr und nicht weniger als der Spielball der Krankenhauspolitik:  Bei Bettenkapazitäten wird jeder Patient einquartiert, zur Kontrolle, ist ja besser so. Wenn es aber eng wird, werden nur noch Privatzahler aufgenommen, selbst wenn um mehr als Überwachung geht, sondern Diagnose und Therapie klar sind und ein stationärer Aufenthalt alternativlos.
Ich will hier nicht über die Zweiklassenmedizin meckern, die wir in unserem Land zweifellos seit langem haben. Aber zwischen „Sie müssen zwei Tage hier bleiben“ und „Sie schaffen das zuhause“ lagen nur fünf Minuten! Was hier also auf dem Spiel steht, ist nicht mehr und nicht weniger als die Verlässlichkeit ärztlicher Aussagen. Und die ist die Basis der Arzt-Patienten-Beziehung, sie ist Basis unseres Gesundheitssystems.
Viel gefährlicher als Ärztemangel und Bettenmangel ist: Vertrauensmangel.
Nicht nur um meine Frau mache ich mir Sorgen.

Update 9.12.:
Ein Mitarbeiter eines Krankenhauses aus der Region hat sich durch obigen Artikel angesprochen gefühlt und mich kontaktiert. Tatsächlich, so stellte sich heraus, ist der Vorfall in der Klinik passiert, für die er arbeitet. Er sagte, die zitierten Sätze seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Ich habe ihm angeboten, statt der von ihm gewünschten Löschung des Artikels eine Stellungnahme des Krankenhauses darunter zu setzen. Darauf verzichtete er.

The Emsländer streits back

Landleben macht gelassen? Denkste! Im Emsland gibt es überdurchschnittlich viele Streitfälle, die auch juristisch ausgetragen werden. Das hat eine Rechtschutzsversicherung durch Auswertung von über 1. Mio Streitfällen herausgefunden.22 – 24 von 100 Emsländern, also mehr als jeder fünfte hat 2012 wegen einer privaten Streitigkeit einen Anwalt eingeschaltet – im Landesdurchschnitt sind es gerade mal 19,9 Prozent.

Alle Rechte bei Columbia Pictures Industries, Inc, 1989Mich erinnert das an den negativ aufgeladenen Schleimfluss, der in Ghostbusters 2 unter Manhattan herfließt und alle Menschen zu Zankhähnen macht.
Sagte ich: Fluss? Ist die Ems vielleicht die Wurzel der Konflikte? Oder ist der Kanal die Kanaille?
Dann sollten wir mal überlegen, was wir zur Besänftigung der auenländischen Streitlust von den Geisterjägern lernen können: Die sind die Freiheitsstatue raufgeklettert, haben dort oben laut Popmusik angemacht und sind durch die Stadt gestiefelt. Ich werde mal den Landrat kontaktieren. Peace!

Na, du Promi?

… sprach mich vorhin einer meiner Nachbarn an. Ich kuckte wenig promihaft, nämlich ziemlich blöd, in den emsländischen Regenhimmel hinein, denn ich wusste nicht, was er meinte. Immerhin war ich gerade aus unserem Zweitwagen ausgestiegen, der nicht gerade Limousinenflair verspürt. Dankenswerterweise löste mein Nachbar das Rätsel kurz nach der Begrüßung auf: Er hatte mich im Regionalfernsehen gesehen, für das ich vor einigen Wochen ein Interview zu einer Veranstaltung bei uns im Bildungshaus gegeben hatte.
Tatsächlich kommt auch es hin und wieder vor, dass mein Name oder mein Bild in der lokalen Presse auftaucht, die zum Glück auf viele Seminare, Tagungen oder Vorträge hinweisto der darüber berichtet und grundsätzlich an dem Treiben in unserem Hause interessiert ist.

Dennoch, und da bin ich wirklich aufrichtig uneitel, ist es mir lieber, wenn ich (wie heute) fürs Lokalradio aus dem Haus berichte oder einen Presseartikel im Vor- oder Nachgang zu Veranstaltungen schreibe, wenn ich die die Social-Media-Kanäle füttere – kurzum: wenn ich meinen alten mit meinem neuen Beruf verbinde, anstatt die „Seiten zu wechseln“. Obwohl: In dem TV-Beitrag war es meine Schokoladenseite.