Zuhause – oder?

Lange habe ich mich um die Gretchenfrage herum gedrückt: Micha, wie hältst du’s mit dem Begriff „Zuhause“? Selbst wenn ich diese Frage auch nach diesem Blogeintrag nicht beantworten kann, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, mir sie vorzunehmen.

Meine Familie und ich waren fünf Tage bei meinen Eltern, um gemeinsam mit meinen Schwestern und deren Partnern bzw. meiner einjährigen Nichte Ostern zu feiern. Fünf Tage und vier Nächte war das Haus, in dem ich groß geworden bin, voll mit Menschen. Selbst wenn unsere eigenen Kinder allesamt jünger sind als ich in meinen ersten Erinnerungen an das Haus, kamen in den letzten Tagen einige Kindheitserinnerungen hervor: Z. B., als mein Sohn und meine Tochter um die Küche herum im Kreis liefen und Fangen spielten, so wie ich das mit meinen Schwestern gemacht hatte, oder als unsere Anderthalbjährige mit meiner alten Kugelbahn gespielt hat, die den flotten Lauf der Murmel über die Holzschienen mit einem Dingeldangeldong beendet. Dieses Geräusch werde ich nie vergessen.
Die Kinder haben sich bei ihren Großeltern wohl gefühlt, meine Frau – immerhin nun auch schon neun Jahre Teil der Familie – ebenso. Und ich? Habe ich mich dort zuhause gefühlt? Ja, aber so, wie man sich als Kind in seinem Elternhaus zuhause fühlt. Das ist gut, das ist viel und dafür bin ich dankbar.

Seit gestern abend sind wir wieder hier. Es fühlt sich gut an, wieder in den eigenen (selbst gemieteten) vier Wänden zu sein, die wir selbst eingerichtet haben, in denen unsere Möbel stehen, vor allem unsere unsere Betten und unsere Kleiderschränke, die die definitiv komfortablere Alternative zu Rucksäcken als Klamottenbehälter auf den Fußböden des Elternhauses sind. Kurzum: Es ist schön, wieder an dem Ort zu sein, den wir gegenüber unseren Kindern als Zuhause bezeichnen.
Auch mein Verstand sagt mir: Hier bist du zuhause.
Aber fühle ich das auch so? Ich glaube, solche Momente gibt es. Wenn mich jemand nach meinen Zuhause fragt, während wir gemütlich mit unseren Freunden am Tisch zu Abend essen und klönen, würde ich die Frage bejahren: Ja, hier sind wir zuhause. Vielleicht auch dann, wenn ich in meinem Arbeitszimmer meine alten Progressivrock-Alben höre, die mich schon seit meiner Studentenzeit begleiten.
Sonst: Wohl eher nicht, wenn ich ehrlich bin. Ich fühle mich wohl, weil hier meine Familie ist und die Arbeit mir Spaß macht, aber zuhause? Wie gesagt: nur hin und wieder.

luna_2010Zum Vergleich: In unserer letzten Wohnung in Berlin habe ich mich zuhause gefühlt. Das meine ich weder wertend noch streite ich ab, dass ich durchaus in Gefahr bin gewisse Aspekte meiner Berlinzeit zu verklären. Doch die Stadt, und vor allem Wohnung in Reinickendorf, hatte ich mir zu eigen gemacht. Man könnte auch sagen:  er-arbeitet, oder: „angelebt“.
Ich habe in Berlin studiert und mein Examen gemacht, mein Volontariat absolviert und einen Radiosender über einige Jahre mitgeprägt. Unsere Altbauwohnung im dritten Stock, in der wir von 2008 bis 2012 gewohnt haben, war die erste Wohnung unserer jungen Familie und die letzte Wohnung unserer alten Katze. Nie vergesse ich, wie wir unseren Sohn in der Babyschale zum ersten Mal durch das quietschende Treppenhaus getragen haben, in sein erstes Heim. Und nie vergesse ich unsere wunderbare Katze Luna, die hier in Würde die letzten Jahre ihres nicht immer leichten Lebens verbracht hat und unser Leben dadurch immens bereichert hat.

Natürlich kann man das als Zufall bezeichnen. All diese Geschehnisse hätten auch woanders statt finden können und ich hätte vielleicht eine ähnlich eindrucksvolle Erinnerung daran. Doch dass sie so geschehen sind, wie und wo sie geschehen sind, macht sie zum Teil meiner Geschichte. Ebenso wie die Kugelbahn in meinem Elternhaus. Und ich glaube, in dem Kontext der eigenen Lebensgeschichte ist der Begriff „Zuhause“ zuhause.

Ob unserem Mietshaus am Rand der Kleinstadt einmal eine ähnliche Rolle zuteil werden wird, ist ungewiss. Wir wohnen erst ein Jahr hier.
Und so sehe ich mir nach mit dem Begriff „zuhause“ sparsam umzugehen.

Bunte Blätter – in Gärten schön.

Ich freue mich auf die Landesgartenschau…
… weil dann die Reihe mit dem grausamsten Blattlayout aus meiner Tageszeitung verschwindet.

Mal ehrlich: Was hat denn solch ein Durcheinander mit modernem, augenfreundlichem Zeitungssatz zu tun? Mit einer Seite, die Lust machen soll auf die sicherlich sehenswerte Gartenschau in Papenburg?
Schon recht: Ich bin ein Radiomann. Meine rudimentären Kenntnisse im Zeitungsmachen habe ich als freier Mitarbeiter gesammelt, und das ist lange her. Aber: Ein immergleiches, massives Clipart (einzig die Countdown-Zahl bis zum Beginn der Landesgartenschau ändert sich), ein Comicmaskottchen, ein Stadtwappen, Fotos links, Fotos rechts, Fotos quer drüber gelegt, bunte Textkästen, Fließtexte in Kursivschrift – so ein Durcheinander kann doch kein Zeitungsleser ertragen! Wenn einer der Gärten in Papenburg so aussehen würde wie diese Seite, man würde ihn mit einem Komposthaufen verwechseln.

Und dann dieses blasse Fotos des total begeisteten Testimonialgebers. Seht ihr, wie der sich freut? Ebenso wie diese Blumenfee?

Ich kann mich gar nicht mehr halten.
Wenn die Gartenschau ein Erfolg wird, dann trotz dieser Zeitungsseite.

Jeder dritte Brögberner ist gewaltbereit?

Es ist ein Konflikt, wie er überall stattfindet, wenn ein Krematorium gebaut wird: Die Anwohner wollen es nicht in ihrer Nähe haben. Ich kann das verstehen: Wer will den Tod schon in seiner Nähe haben? Wer will auf dem Nachhauseweg, beim Brötchenholen bei der Runde mit dem Hund an den Tod erinnert werden?

Was heute jedoch bekannt wurde, lässt sich nicht mit dem Ärger der Anwohner erklären. Der Landwirt, der sein Land an die Krematoriums-Investoren verkauft hat, wird von seinen Mitbürgern bedroht:
Ich kann kaum in Worte fassen, wie entsetzlich ich dieses Schreiben finde. Der Verfasser und seine 1048 Mitstreiter rotten sich zu einem üblen Mob zusammen, die ihre politische Niederlage nicht akzeptieren und stattdessen jemandem Lynchjustiz androhen, der mit dem Krematorium nur mittelbar zu tun hat – und auch noch dessen Familie mit Gewalt bedroht.

1048 Männer sind 1/3 aller Ortseinwohner.
Wenn es ein Dorf in der Nähe gibt, das tatsächlich so irrational, gewaltbereit und unmenschlich ist, schäme ich mich für das ganze Emsland.