Bier, Buden und Bürgersöhne

Ich gelte als Rationalist. Ich hadere mit der Verklärung der Vergangenheit ebenso wie mit jeder Art von Ideologie und ich verspüre bei jedem „Früher war alles besser“ den Drang in eine ausführliche Argumentation einzusteigen. Was ich meistens lasse.

Was die Lingener jedoch mit ihrem Kivelingsfest (Webseite) auf die Beine stellen, ist bemerkenswert. Alle drei Jahre erinnern hunderte Bürger mit einem historischen Volksfest auf dem Marktplatz an die Zeit im 14. Jahrhundert, als unverheiratete Bürgersöhne die Stadtgrenzen verteidigten. Nicht nur die „Schausteller“ geben sich echte Mühe, das Mittelalter durch Kostüme, Holzbuden, herumliegendes Stroh und (Bier aus) Tonkrüge(n) lebendig werden zu lassen: Ich habe auch viele verkleidete Besucher gesehen, die sich von Wein, Weib und Gesang haben anstecken lassen.

Das letzte Mittelalterspiel, das ich gesehen habe, fand auf dem Potsdamer Platz statt. 1995 war dort noch eine Brachfläche, wo fünf Jahre später moderne Architektur und viel Reichtum den Anspruch der Hauptstadt auf den Metropolenstatus untermauern sollten. Wo so schnell die Jahrhunderte verfliegen wie am Potsdamer Platz, ist keine Zeit für Verklärung.
Hier im Emsland ist das offenbar anders. Hier sind die Menschen bodenständiger, hier sind Traditionen in der Gesellschaft tief verwurzelt, hier braucht Wandel Zeit. Deshalb wirkt das Kivelingsfest auf mich sympathisch und in gewisser Weise authentisch – vor allem weil die Lingener mitmachen.

Freilich wird Mittelalter nicht wirklich realistisch dargestellt: Soweit ich informiert bin, hat während der drei Tage niemand auf die Straße geschissen, ist niemand an Pest krepiert und niemand wurde gehängt.
Ich vermute auch, für viele der Teilnehmenden ist das Kivelingsfest nicht nur eine Erinnerung an die ehrenvolle Stadtgeschichte, sondern schlicht auch ein Grund zum Saufen. In der Vorwoche musste ich erleben, wie die Mitglieder einer Sektion (so heißen die Untergruppen der Kivelinge) am Kanal Bier trinkend mehrere Passanten angepöbelt haben. Das ist unfein und wirft ein schlechtes Licht auf die Aktiven, die auch heute unverheiratet müssen und dementsprechend jung sind, wenn sie mitmachen wollen – vor allem, weil die Gruppe am Kanal deutlich ihren Sektionsnamen auf den T-Shirts stehen hatten.

Wie dem auch sei: So ein Fest wie in der Innenstadt auf die Beine zu stellen verdient Respekt, und auch sonst engagiert sich der Verein sehr für seine Stadt, was aller Ehren wert ist. Außerdem wäre zu viel Sympathie von meiner Seite auch vergebens – mitmachen kann ich alter Pantoffelheld ja ohnehin nicht mehr.