Macht kaputte Welt heil?

Meine Frau und Sohn sind für zwei Tage verreist, meine Tochter schläft – und ich finde endlich die Muße aufzuschreiben, was mich seit Wochen bewegt. Ich hoffe, keinem meiner emsländischen Leser/innen stößt übel auf, was ich in diesem Artikel niederschreibe. Das zwinkernde Auge, mit dem ich viele meiner Erfahrungen in meiner neuen Heimat beschreibe, bleibt heute mal geöffnet.

Pete / CC BY 2.0

Pete / CC BY 2.0

Ich schrieb bereits vor gut einem Jahr, dass mir die mannigfaltigen Lebensstile, die Berlin prägen, fehlen. Andere Lebensarten, Verrücktheiten, aber auch sichtbare oder sogar zur Schau gestellte Schicksale von Menschen, wie sie in urbanen Zentren sichtbar sind, hinterfragen meine eigene Art, zu leben und glücklich zu sein. Punker, Penner, Transen, Amputierte, Drogenabhängige – sie alle relativieren meine Definition von Glück. Denn Glück bedeutet für sie jeweils etwas ganz anderes: Für den einen vielleicht eine Spritze mit Heroin, für einen anderen ein Kasten Sternburg Pilsener, für noch einen anderen die After-Show-Party vom Christopher Street Day.

Menschen, die anders sind als ich, schützen mich davor, meine Art glücklich zu sein zum Maßstab für alle zu nehmen.
Die oben beschriebenen Menschen gibt es im Emsland aber selten, zumindest sind sie im Alltag nicht sichtbar. Ein Schwarzhäutiger auf den Straßen fällt sofort auf. Eine Burka habe ich hier noch nie gesehen. Versoffene Stadtstreicher im U-Bahn-Schacht sucht man hier vergebens. Den U-Bahn-Schacht auch.

Ich habe versucht mir einzureden, dass man eine Offenheit, wie ich sie oben beschreiben habe, nicht verlernt. Aber das hat nicht geklappt.
Ich merke, dass ich heute schneller Urteile über Menschen fälle als früher.
Je weniger außergewöhnliche Lebensstile, Ausbrüche aus dem „Normalen“, dem Angepassten, ich sehe, ja, desto angepasster denke ich. Und desto schneller stemple ich etwas ab, was aus diesem „geraden“ Denken heraus fällt. Damit sage ich nichts über die Emsländer, die ich schätze und respektiere, aber an mir selbst fällt mir das auf.
Dafür schäme ich mich. So ein Denken tut mir weh.

Je heiler die Welt ist, die um mich herrscht, desto mehr vermisse ich die „kaputte Welt“, die durch eine Mauerritze blickt und mahnt: Vorsicht, Micha, es ist vielleicht anders, als du denkst, und vielleicht ist es auf seine Weise „gut“!

Hier im Emsland ist alles schön. Es gibt Riten, Bräuche, Traditionen, vieles ist jahrhundertelang erprobt. Das gibt mir als Zugezogenem das Gefühl von Verlässlichkeit und einer gewissen Ruhe. Ja, das Emsland ist gut für mich, für meine Frau und Kinder, zumindest zur jetzigen Zeit. Mir fehlt jedoch das Rauhe, das Unschöne. Ich brauche es, weil es mich in Frage stellt. Ich brauche die Vielfältigkeit menschlicher Existenz um mich herum, weil sie mich zur Selbstreflexion zwingt und mich Bescheidenheit lehrt. Ich will nicht sagen, dass ich nur so mein persönliches Glück genießen kann – das wäre alles andere als bescheiden und würde meiner Familie, meinen Freunden, meiner guten Arbeit nicht gerecht.
Aber diese Freaks, die Abnormalen, die Außergewöhnlichen: Sie tun mir einfach gut.

Knallgas!

Liegt es daran, dass sich auf „wir“, „dir“ und „hier“ wirklich nur „Bier“ reimt?
Oder ist „ordentlich einen heben“, an der „Theke stark“ sein und eben „Schnaps und Bier“ zu konsumieren wirklich eine Auszeichnung, auf die die emsländischen jungen Erwachsenen stolz sind?

Ich bin nun fest davon überzeugt.

Drei weitere Glückwunsch-Anzeigen aus der Tageszeitung:

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