Toleranz erweist sich am Nächsten.

Quelle: BDKJ Osnabrück / Facebook

Über 2.000 Menschen haben am Montag auf einer Demo in Lingen, der größten Stadt des Emslandes, ein Zeichen für Toleranz, eine offene Flüchtlingspolitik, gegen die Pediga-Bewegung und gegen Rassismus gesetzt. „Lingen setzt bei Demo Zeichen mit Gänsehautgefühl„, titelt die Neue Osnabrücker Zeitung.
Meine Anerkennung gilt denen, die diese Demo als Zeichen der politisch und gesellschaftlich angemessenen Meinungsäußerung verstanden und deshalb teilgenommen haben. Eine Meinung zu haben und diese zu artikulieren ist der beste Schutz vor Gedankenfaulheit, gesellschaftlichter Passivität und Politikverdrossenheit. Vor allem gilt meine Anerkennung dem Forum Juden-Christen, das die Demo initiiert hat. Die Schweigeminute für die Opfer des Terrors von Paris finde ich richtig, pietätvoll und ich hätte gerne daran teilgenommen.

Ich möchte dennoch darlegen, warum ich trotz der vollsten inhatlichen Zustimmung mit einer Demo wie dieser meine Bauchschmerzen habe und hatte und unter anderem deswegen nicht daran teilgenommen habe.

  1. Keine Demonstration ohne Konfrontation.
    Wo eine Meinung lautstark und sichtbar demonstriert wird, muss es auch eine andere Meinung geben. Das ist im Arbeitskampf so, bei Forderungen von gesellschaftlichen Minderheiten und auch bei der revolutionären 1. Mai-Demo in Berlin-Kreuzberg. Demos sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft, der Meinungsfreiheit und der politischen Kultur.
    Doch wer demonstriert bei #lingenistbunt wogegen?
    Natürlich gibt es dieser Tage die Pegida-Bewegung, die nicht nur aus wenig reflektierenden unzufriedenen Dumpfbacken besteht, sondern auch aus gut ausgebildeten Mittelschichtlern, und auch aus handfesten Nazis. Wegen denen ist die Bewegung zweifellos brandgefährlich, gerade weil sie, wie vorgestern in Dresden, 25.000 Leute anzieht, die offenbar damit leben können, gemeinsam mit Nazis zu demonstrieren.
    Im Emsland gibt es keine Pegidabewegung. Die Zahl derer, die Angst vor Überfremdung des Emslandes haben, dürfte äußerst gering sein. Zumindest sind sie nicht organisiert, haben kein „Gesicht“ – und sind somit als Adressat der Toleranzdemo nicht greifbar. Davon abgesehen ist das Emsland so weit von Überfremdung entfernt wie nur möglich. Denn hier gibt es schlicht und ergreifend sehr wenige Muslime: Im Zensus 2011 ist der Islam als Religion nicht einmal einzeln aufgeführt. In Lingen haben 1,3 % der Bevölkerung eine „sonstige“ Religion, im Emsland 1,2 %.
    Richtig: „Konfrontation“ könnte auch in der Angst bestehen, dass die Pegidaforderungen sich durchsetzen, Deutschland seine Grenzen dicht macht, keine Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufnimmt und Deutschland künftig nur ein Land der Deutschen ist.
    Aber ist es wahrscheinlich, dass Pegida gewinnt? Ich glaube nicht.
  2. Ich denke in diesen Tagen viel an die europäischen Muslime. Von der Pegida werden sie als Gefahr für Europa gebrandmarkt, und nach den schrecklichen islamistischen Terrorakten von Paris und der Boko Haram in Nigeria stellen die Medien abermals – und ich finde, das dürfen sie auch – die Frage nach der Rolle von Gewalt im Islam. Doch müssen sich alle Muslime deshalb zur Friedfertigkeit bekennen? Nein. Demonstrieren für das Selbstverständliche ist absurd. Ebensowenig dürfen Christen unter Druck gesetzt werden auf die Straße zu gehen, um die Werte zu demonstrieren, die sie alle teilen.
  3. Solidarität mit den Flüchtlingen war sicherlich das Hauptmotiv an der Demo in Lingen teilzunehmen. Dennoch vermute ich, dass eine Demo, dessen Motto man ohne Probleme zustimmen kann, zu einer Uhrzeit, zu der die meisten Menschen Zeit haben, in einer Mittelstadt schon eine Art Eventcharakter hat. Ich möchte niemanden vereinnahmen, aber vielleicht waren einige Teilnehmer froh, dass abends mal was in Lingen los ist. So deute ich zumindest die Fotos auf Twitter und Facebook, die die eigene Teilnahme an der Demo mehr oder weniger öffentlich dokumentieren. #lingenistbunt – ich war dabei! Oder anders zugespitzt:
    Sei für etwas Gutes und rede drüber!
  4. Toleranz braucht Konfrontation.
    Ich frage mich, woran die auf de Demo vielfach beschworene Toleranz deutlich wird. An dem Zusammenleben mit den emsländischen Muslimen, könnte man denken. Doch davon gibt es ja nur wenige Hundert – zu wenig, wenn sie als Beleg dafür herhalten sollen, wie tolerant 300.000 Emsländer sind.
    Ich denke, Toleranz zeigt sich an dem Verhalten gegenüber dem Nächsten. Ohne die schwierigen Seiten meiner eigenen Integration im Emsland ausführen zu wollen – oder mich auch nur in die Nähe eines Vergleichs mit den schwerst traumatisierten Flüchtlingen aus Syrien und anderen Kriegsgebieten stellen zu wollen – frage ich mich, ob Toleranz sich nicht auch im Vorgarten der Nachbarn sichtbar wird.
    Die Satire „Auch Pegida gehört zu Deutschland“ in SpOn nimmt die Pegida-Anhänger aufs Korn, die Botschaft dahinter sollte aber bei uns allen Gehör finden:

    Vergessen wir dabei aber nicht, dass die pegidische Kultur auch eine Bereicherung für die Mehrheitsgesellschaft sein kann: Ein akkurat gemähter Rasen im Vorgarten, eine wohlgescheitelte Frisur, die rituelle Autowaschung am Samstag muss keine Bedrohung sein. So fremd und zuweilen auch abstoßend uns ihr Gebaren auch erscheinen mag: Solange sie uns ihre kleinbürgerlichen Rituale nicht aufzwingen, dürfen Pegiden tun, was sie wollen – wenn sie sich dabei an die Gesetze halten.

  5. Zuguterletzt habe ich persönliche Gründe, weshalb ich nicht gern zu Demonstrationen gehe. Ich habe bislang immer andere Formen gefunden, meine politischen Überzeugungen zur Sprache zu bringen und zur Diskussion zu stellen – sei es im Radiostudio, in dem Bildungshaus, in dem ich nun arbeite (wo die politische Diskussion seit Jahrzehnten gepflegt wird) oder auf meinen Blogs „Ems-Blick“ (diesem hier) und „Spähgypten„. Ich fühle mich in der argumentativen Auseinandersetzung wohl, die auf einer Demo – also „unter Meinesgleichen“ – naturgemäß nicht zustande kommt. Mit Symbolen und zeichenhaften Handlungen tue ich mich grundsätzlich schwer. Darüber hinaus habe ich Angst auf einer Demo instrumentalisiert zu werden. Ich gebe die Kommunikation meiner politisch-gesellschaftlichen Positionen aus der Hand, wenn ich mit einer vielleicht etwas verkürzten Botschaft auf dem Pappschild neben mir identifiziert werde – sei es von meinem Nebenmann, von der Presse oder dem Heer der vielen Facebook-Berichterstatter.

Soweit meine Bauchschmerzen. Ich hoffe, bin niemandem auf den Schlips getreten. Die Kommentarfunktion steht euch und Ihnen offen.

Zum Schluss ein Wunsch:
Ich hoffe, das Emsland ist so tolerant, wie es viele der Demoteilnehmer persönlich sicherlich sind und sein wollen.
Ich hoffe, ich bin so tolerant, wie ich zu sein glaube – auch den Emsländern gegenüber, in deren Denk- und Lebensweise in mich manchmal noch hineinfinden muss.
Ich hoffe, die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, fühlen sich wohl.
Und ich hoffe, die Pegida-Anhänger erleben sie als Bereicherung für unsere abendländische Kultur.