3 Jahre – 3 Tage – 3 Gedanken

Ich war drei Tage in Berlin – und hadere mit mir, hier darüber zu schreiben. Den Leserinnen und Lesern, die das Gefühl haben, ich würde ohnehin nicht in meine neue Heimat gehören, werden sich bestätigt fühlen; und wer bislang dachte, ich würde hier gut hinpassen, wird sich fragen, warum ich noch hier bin. Deshalb, aber auch weil wir in diesen Tagen genau drei Jahre im Auenland sind, und auch, um die Zweifel, die mich selbst hin und wieder ergreifen, in den Griff zu kriegen – stelle ich fest: Ich mag das Auenland und meinen Job. Es ist gut, dass meine Kinder in ihren ersten Lebensjahren hier heranwachsen. Es ist schön ruhig hier. Und es ist schön grün hier.
Das alles habe ich schon mehrmals bezeugt und gelobt, und auch die folgenden Gedanken sind grundsätzlich nicht neu.

Doch die vergangenen Tage in Berlin sind ein gutes Beispiel dafür, was ich an meiner alten Heimat schätze – und was ich hier vermisse – oder einfach noch nicht entdeckt habe.

1. Radio

Ich habe Menschen wieder getroffen, mit denen ich eine mehr oder weniger lange Zeit zusammen gearbeitet habe. Dahinter verbergen sich Freundschaften, Anekdoten, berufliche Erfolge und Misserfolge, Kompetenzrangeleien und Eitelkeiten, dahinter verbirgt sich aber auch das Interesse an der persönlichen und privaten Weiterentwicklung. Was machst du jetzt? Wie läuft es bei dir? Was macht denn eigentlich der und der?
Und mit all diesen Menschen verbindet mich die Passion fürs Medium Radio, für meinen erlernten Beruf und für das, was Radio für Abermillionen Menschen ist: Information, Unterhaltung und ganz viel Emotion.
Meine Tage in Berlin waren voll von Emotion.

2. Vielfältigkeit

Berlin ist nicht Berlin. Ich habe mir am Freitag die Tageskarte für U- und S-Bahn gespart und bin bei 20 Grad durch die Sonne geradelt. 35 Kilometer hatte ich hinter mir, als ich um halb zwölf wieder im Hotel war. Beim Durchqueren der Bezirke (meine Route war Reinickendorf – Wedding – Moabit – Mitte – Tiergarten – Mitte – Friedrichshain und über Mitte zurück), die ich für sich genommen mehr oder weniger gut kenne, wurde mir klar, wie unterschiedlich die Stadtteile sind. Ich nahm wahr, wo es Übergänge und Grenzzonen zwischen den Bezirken gibt und wo sie gar nur schwer oder gar nicht wahr genommen werden können – Eindrücke, die ich als Nutzer der „Öffis“ in den vergangenen Jahren so gut wie nie hatte. Als U-Bahn-Fahrer ist man ja eher eine Art Maulwurf, die hier und da den Kopf aus der Erde steckt, aber kein Gefühl dafür bekommt, wie der riesige Flickenteppich Berlin miteinander „verknüpft“ ist.
Auf jeden Fall ist Berlin ein sehr, sehr bunter Flickenteppich.

3. Offenheit

Klar wurde mir zudem – und stärker als je zuvor – wie sehr ich die Vielfalt der Menschen liebe. Von den unterschiedlichen Lebensentwürfen, die ich zur Selbstreflektion brauche, hatte ich bereits geschrieben (etwas konkreter auch hier). Und im Tagesverlauf an geschätzten 5000 Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe, Glaubensrichtung, Lebensplanung und sexueller Orientierung vorbei zu radeln – das hat mir einfach gut getan.
Aber für mich steckt mehr dahinter:
Wo Lebensweisen aufeinandertreffen, deren Vielfalt akzeptiert und geschätzt wird, entstehen Offenheit und Toleranz. (Und tolle Dönerbuden, marrokanische Takeaways und thailändische Lieferdienste.) Das verbindet die diversen Lebensentwürfe, die es in der Hauptstadt so wie in vielen weiteren Großstädten gibt, dann wieder miteinander: Die (mehr oder weniger reflektierte) Erkenntnis, dass die Stadt mir als Gruftie, mir als Penner oder mir als Tunte „gehört“, aber in der jeder seinen Platz hat. Und wo die unterschiedlichen Kulturen und Subkulturen nicht nur ihrem Ghetto leben bzw. leben müssen! Orte wie z. B. den Bahnhof Zoo oder den Hermannplatz in Neukölln, an dem vermutlich jeder in Berlin Lebende schon einmal war oder mittelfristig hinkommen wird, definiert ein Penner halt anders als ein Gruftie oder eine Tunte.

Natürlich sind nicht alle Menschen in Großtstäden tolerant anderen gegenüber, genauso wenig wie in Gebieten der Welt, in der die Bevölkerung homogener ist. Doch ich bin mir sicher: Die simple Konfrontation mit dem „Anderen“ führt immer einer Art Auseinandersetzung damit – nicht immer ausgesprochen und ausdiskutiert, nicht einmal immer bewusst gemacht und bedacht, aber zumindest im Unterbewusstsein findet diese Auseinandersetzung statt (siehe auch hier, „Toleranz erweist sich am Nächsten“). Denn wo ich von „Anderen“ spreche, muss ich erst einmal wissen, wer ich bin, wo die Grenze des „Wie-ich-seins“ ist und wo das „Andere“ beginnt.

Ich glaube, die Auseinandersetzung mit Menschen anderer Lebensweisen ist, wenn ich sie zulasse, die Basis für individuelle und gesellschaftliche Freiheit, ist dann Toleranz; wenn ich sie nicht zulasse, definiere ich zumindest meine eigene Freiheit.
Das „Andere“ muss aber zumindest erstmal da sein.

Wenn ich das auf meine neue Heimat beziehe, geht das leider nicht ohne noch ein bisschen philosophischer zu werden: Wenn ich die Vielfalt der menschlichen Existenz, das „Andere“, hier nicht sehe, und um mich an ihm „abzuarbeiten“ erst suchen muss: ist es dann noch das „Andere“? Vereinnahme ich es durch meine Suche nach ihm nicht schon?
Grufties und Penner, Schwule und Lesben, Schwarze und Weiße, Tunten und Transen, Arme und Reiche und vor allem… Flüchtlinge: Kommt ins Auenland und bereichert uns!

Noch ein Satz: Dass ich mir in Friedrichshain habe ein Augenbrauenpiercing stechen lassen, soll keine Provokation kein. Ich möchte dadurch niemanden von meiner Definition von Offenheit überzeugen, ich will damit nicht auf Berlin anspielen, damit nicht missionieren und darüber eigentlich auch nicht diskutieren. Ich finde einfach, es passt optisch zu mir. Und wenn der Metallstab in der Augenbraue ein Symbol für irgendetwas ist, dann höchstens für die Naht, die meine alte und meine neue Heimat zusammenhält.