Auswandererblo(g)ck

Grafik: Stadt Lingen

Grafik: Stadt Lingen

Im Garten der Akademie, in der ich arbeite, wird bald ein Flüchtlingsheim entstehen. 30 Menschen in den kommenden fünf Jahren dort wohnen. Ob es gelingt, dass sie sich im Dorf wohl fühlen, dass sie nach traumatischen Kriegs- und Armutserlebnissen und einer abenteuerlichen Flucht bei uns zur Ruhe kommen können, liegt an uns allen. Lokalpolitik, Dorfgemeinschaft und Anwohner haben ihre Unterstützung zugesagt, ebenso wir Mitarbeiter, die mit den Flüchtlingen täglich zu tun haben werden.
Ein mulmiges Gefühl gestatte auch ich mir. Immerhin wissen die für die Bewohner verantwortlichen Sozialarbeiter erst eine Woche vorher, welche Menschen aus welchen Ländern zu uns kommen, ob es Familien, Paare oder einzelne Männer sind, aus welchen Verhältnissen sie kommen und welcher Religion sie angehören. Aber es ist gut und richtig, dass unser Haus die Anfrage der Stadt nach Sichtung einer geeigneten Fläche positiv beantwortet haben. Es ist eine Chance für uns Mitarbeiter und die Ortsbewohner, interkulturelle Kompetenz zu erwerben, Humanität und Nächstenliebe gegenüber denen zu zeigen, die Fürchterliches erlebt haben.

Anders als erwartet bekomme ich nun meine kaputte Welt in der heilen Welt.

Update: Flüchtlingsbauchschmerz

James Gordon, CC BY 2.0

James Gordon, CC BY 2.0

In unserer Stadt entstehen Flüchtlingsunterkünfte. Wo sie stehen werden, ist in einigen Stadtteilen noch immer umstritten. Aber angesichts der Verfolgung vieler unschuldiger Menschen in Syrien, Eritrea, Somalia und dem Irak wird es bei den knapp 800 Flüchtlingen, die seit 2014 in unserer Stadt gekommen sind, nicht bleiben. Wer sich auch nur einmal mit den Zuständen in diesen Ländern auseinandersetzt (ich empfehle die Seiten des Netzwerks Migration in Europa und diese beeindruckende Onlinereportage) darf zu keinem anderen kommen als zu diesem: Natürlich bieten wir auch weiteren Flüchtlingen Schutz.
Natürlich müssen deren Unterkünfte auf Flächen stehen, die geeignet dafür sind. Wenn Anwohner deswegen beängstigt sind, weil sie nicht wissen, wie sich die Flüchtlinge verhalten werden, ist das verständlich – aber kein einziges Argument rechtfertigt ein Nein zu weiteren Flüchtlingen. Die Unversehrtheit fremder Menschen ist ein höheres Gut ist als die heile Welt der Bedenkenträger. Natürlich: Im sozialen Netz des durch Nachbarschaft und Vereinswesen geprägten Emsland gilt: Man kennt sich, man hilft sich. Aber hilft man auch denen, die man nicht kennt?

Viele Emsländer engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, viele weitere sind bereit, weitere Hilfsbedürftige in ihrer Nachbarschaft aufzunehmen und ihnen, sofern gewollt, zu helfen. Umso mehr ärgerere ich mich über die dumpfen Vorurteile, die jüngst auf einer Bürgerversammlung geäußert wurden.

„Ein weiterer wollte wissen, wie denn die Sicherheit garantiert sei, wenn „unsere Kinder auf dem Bolzplatz spielen und die Frau abends im Wald spazierengeht“

 

„Ich kenne diese Klientel“, äußerte er sich über Flüchtlinge. „Ich weiß, wie das ist, wenn 30 Junggesellen auf der Straße stehen.“

Es macht mir Bauchschmerzen zu hören, wie voreingenommen einige Mitbürger gegenüber Flüchtlingen sind. Flüchtlinge, die ich natürlich genausowenig kenne wie die Bedenkenträger, von denen ich genauso wenig weiß, wie sie sich in unserer Nähe verhalten werden – die nicht aufzunehmen aber keine menschenwürdige Alternative ist.

Kommentare in einer regionalen Facebookgruppe wie dieser hier:

Wir müssen nicht noch mehr und mehr Flüchtlinge aufnehmen! Dies führt unweigerlich zu Konflikten!

sind glücklicherweise die Ausnahme, weil sich die meisten Diskussionen in dem sozialen Netzwerk darum drehen, was man als Deutscher sagen darf, ohne als Nazi bezeichnet zu werden.
Wo die Flüchtlingsfrage also eine Identitätsfrage wird.
Und sich Diskussionen sehr schnell im Kreis drehen – also um die Eitelkeit der Gastgeber, statt um die Not der Gäste.

Wir haben in der Region einen profilierten Verein, der die Flüchtlingsarbeit koordiniert. Dem müssen wir vertrauen und den müssen wir nach Kräften unterstützen. Und bis die Flüchtlinge denn wirklich in unsere Nachbarschaft einziehen, sollten wir den bestehenden Ängsten, Vorurteilen und Vorurteilen einfach Fakten gegenüberstellen. Nur so kann sich das aufgeheizte Klima ein wenig abkühlen und die Neuankömmlinge nach Wochen und Monaten voller Gewalt, Flucht und Unsicherheit hier zunächst einmal zur Ruhe kommen. Wenn die Frauen, Männer und Kinder nach Ihrer Odyssee endlich sicheren Boden unter den Füßen haben, dürfen sie nicht gleich mit unseren Erwartungen – positiv wie negativ – konfrontiert werden. Ankommen braucht Zeit.

Als Waffe gegen Fremdenangst empfehle ich die Antworten, die Pro Asyl zu den häufigsten Vorbehalten gegenüber Flüchtlingen gesammelt hat. Ein Zitat:

Tatsächlich verhindern vor allem Vorurteile, Misstrauen und mangelnde Kommunikation, dass Menschen in ihrem Stadtteil ein Gefühl von Sicherheit und Ordnung haben. „Wo jeder jeden kennt“, fühlt man sich wohl.

Das ist es doch, was das Emsland ausmacht, oder?

UPDATE: Zwei Bürgerversammlungen in der letzten und vorletzen Woche haben meine Bedenken weitgehend zerstreut. Es herrschte bei Einzelpersonen, Verbänden und Lokalpolitikern eine den Flüchtlingen wohlgesonnene Stimmung. Ich habe einem Ortszeil sogar das Gefühl bekommen, die Flüchtlinge würden mit Liebe und Aktionismus erschlagen. Vielleicht sollten sie erst einmal in Ruhe ihre Flucht verdauen?
Was mir nun noch Sorgen macht, ist, dass die Sorgen von Anwohnern der Flüchtlingsheime nicht ernst genommen werden. Eine Frau, die direkt gegenüber einer der Unterkünfte wohnen wird, sagte, sie hätte Angst um ihre Enkel. Ist das nicht verständlich? Muss man ihr das nicht zugestehen? Niemand weiß, wer genau im Heim gegenüber wohnen wird! Doch ihre Angst wurde vom Moderator übergebügelt. Da muss noch eine andere Art der Toleranz wachsen, damit sich niemand allein gelassen fühlt – weder die Flüchtlinge, noch die Anwohner.

Quengelware auf Rädern

Keine Fotomontage: Der Fahrer schleckt ein Eis.

Keine Fotomontage: Der Fahrer schleckt ein Eis.

Quengelware war für meine Mutter ein Graus. Kein Einkauf ging zu Ende, ohne dass meine Schwestern und ich an den Regalen links und rechts der Kasse irgendwas entdeckten, das wir haben wollten. So unbedingt und jetzt und hier, dass wir hin und wieder die Drohung „Das nächste Mal bleibst du zuhause!“ zu hören bekamen.
Klar, da wo Menschen anstehen, können sie nicht weg. Im Radio habe ich mir dieses Prinzip zunutze gemacht und Praktikanten und Praktikantinnen, die für eine Umfrage raus gingen, zum Reichstag geschickt. Dort stehen ebenfalls viele Leute in einer Schlange, die alle die Kuppel besichtigen wollen. Und können dort ebenso nicht weg (denn dann sind sie ja aus der Schlange raus). Noch schöner: Da sind Menschen aller Altersstufen und aus allen Regionen – perfekt für eine abwechslungsreiche Umfrage.

Nun aber gibt es Quengelware auf Rädern – Eiswagen. Also nicht wir bewegen uns zwangsweise an etwas vorbei, was für Kinder reizvoll ist, sondern es bewegt sich etwas an uns vorbei, was für Kinder reizvoll ist. Und hier hinkt der Vergleich mit der Supermarktkasse – denn der Eiswagen sucht uns heim.

Klar: Eiswagen gab es immer schon, aber erst seit meine Kinder der werberelevanten Zielgruppe angehören, nerven mich die Autos und ihre Fahrer enorm. Egal, wie vernünftig unsere Kinder im Bezug auf Süßigkeiten sind, egal ob sie heute bereits ein Eis in der Innenstadt oder aus der Truhe gegessen haben: Wenn der Eiswagen durch unser Wohngebiet kurvt, gibt es entweder ein Eis, oder Geschrei.

Was mich dabei ärgert:

  1. Der Wagen kommt vornehmlich abends um halb sieben – kurz vor dem Abendbrot, wenn unsere Lütten also garantiert kein Eis mehr essen dürfen.
  2. Der Eismann macht einen Heidenkrach. Er spielt Grußkartenmusik über eine Megaphon, scheppert einen Tusch und ein gesungenes „Ice-Creeeeaam“ durch den Lautsprecher und bimmelt wie blöd mit einer Glocke aus dem Fenster. Der Lärm durchdringt das ganze Haus und jegliche andere Beschäftigung.
  3. Das Eis schmeckt doof.

Kurzum: Als Vater von kleinen Kindern sind die Eiswagen meine Feinde. Sie stellen unsere elterliche Pädagogik immer wieder auf eine harte Probe. Sie provozieren entweder Kindergeschrei oder pädagogische Inkonsequenz.
Ich stehe dazu, dass ich Eiswagen hasse.

Vor lästiger Telefonwerbung kann man sich doch auch schützen, warum nicht vor Eiswagen?