Update: Fremdschäm schlägt Bauch

Ihr kennt das: Zwischendurch mal eben in die Bäckerei reinhüpfen und irgendwas Teigartig-gebackenes, Süßes oder Deftiges, mitnehmen.
Geht das so auf die Hand?
Ja klar. Danke. Tschüss!

Als Student in Köln vor vielen Jahren gehörten solche Zwischenstopps häufig zu meinem Rückweg von der Uni oder zu samstäglichen Stöbertouren durch Plattenläden. Es kann auch sein, dass ich mir die Verlegenheit ersparen wollte, mit den beiden nackten Kochplatten in meiner Einraumwohnung in Köln-Kalk über die Zubereitung einer richtigen Mahlzeit zu diskutieren.

(C) Bäckerei Kamps

Dafür wurde ich beim Bäcker verlegen.
Ein weiches Brötchen mit Schokotropfen drin, das wäre schon schön… aber der Name!? Heiner Kamps, dessen Bäckereien damals in Köln allgegenwärtig wareb, hat offenbar zu viele Kindercomics gelesen.
Wer traut sich bitteschön, einen Schoko-Wuppi zu bestellen?

Guten Tag, eine Latte Macchiato tall mit Vanilla Flavour, ein Bio-Rucula-Parmesan-Wrap und zwei Schoko-Wuppis!

Man muss kein Hipster sein, um bei einer solchen Bestellung im Boden versinken zu wollen. Zugegeben: Hipster gab es um die Jahrtausendwende noch nicht (zumindest nicht in Köln-Kalk), Wraps auch nicht, ebensowenig wie „talle“ Getränke – und Bio gab es nur im Reformhaus gegenüber vom Tedi.

Geht aber schlimmer.

Fünfzehn Jahre später zieht mich meine Tochter während des Innenstadtbesuchs zum Bäcker. Ichhabesoeinedrossehunna! Kamps gibt’s hier nicht, dafür hat ein lokaler Bäckermogul so gut wie überall seine Ladengeschäfte.

OK, was willst du?
Das da.

Einen Moment des Schreckens später realisiere ich, dass sie nicht auf das Brötchen mit Schokotropfen gezeigt hat, sondern daneben. Voller Erleichterung bestelle ich die Laugenstange, bezahle sie gern und freue mich, dass es der Kleinen schmeckt.
Vor allem freue aber ich mich, dass ich meiner Tochter nicht erklären musste, auf gar keinen Fall ein „Schoko-Stüttkes“ zu kaufen.

Mal ehrlich: Was ist an den Bezeichnung „Schoko-Brötchen“, „Schoko-Schrippe“ oder von mir aus „Schoko-Wegge“ so schlimm, dass man auf derart alberne Namen zurückgreifen muss?
Und bevor ich hier als integrationsunwillig gelte: Das Wort Stüttkes ist kein typisch-emsländischer Ausdruck für ein weiches Brötchen. Google findet nur einen Treffer zu dem Wort: Eine Twittermeldung über Fasten-Stüttkes.
Na danke.
Da faste ich doch lieber.

UPDATE 28.12.2015:
Die erwähnte emsländische Bäckerei hat sich gemeldet:

Klar, dass ich das nicht googlen konnte.
Einheimische wissen das, oder? Weit gefehlt: Ende der 1980er Jahre sprachen nur noch 3 Prozent der Viertklässler plattdeutsch. Und im Emsland-Sprachführer „High Knee“ steht das Wort auch nicht drin.
Wie dem auch sei: Beim nächsten Bäckereibesuch werde ich mein Fremdschämen einfach herunter schlucken und versuchen (die Schoko-Stüttkes) (auf Platt) zu bestellen.
Wenn die Kleine nicht doch lieber eine Laugenstange möchte.
Möcht sie doch bestimmt…
Immerhin gibt’s dann danach auch ein dickes Eis…
Und eine Extrastunde Fernsehen am Abend…