#RefugeesAboard

New Media Vector Art | © 2015 Bernd Wachtmeister

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Meine erste Begegnung mit Flüchtlingen – surreal irgendwie.
Im ICE von Würzburg nach Hannover, ich war auf der Rückreise von einer dienstlichen Veranstaltung, saßen müde Jugendliche in den Gängen und umklammerten abgegriffene Plastiktüten, lagen schlafende Kinder quer zu den Füßen ihrer Eltern, zu den riechenden Füßen, wie es nach einer langen Reise völlig normal ist, saßen abgeschlaffte Männer im Bistro und versuchten durch ein Snickers oder ein Bier ein bisschen Kraft zu tanken. Das war meine erste Begegnung mit den Menschen der aktuellen Flüchtlingswelle. Ich hätte sie gerne gefragt, woher sie kommen und wo es hingeht, ob sie auf der Durchreise sind, von den Behörden von einem Bundesland ins nächste geschickt wurden oder auf eigene Kosten zu Verwandten fahren. Ob sie an der Grenze kontrolliert worden sind oder nicht, ob ich etwas für sie tun könne.
Aber ich habe sie ignoriert, so wie ich alle fremden Mitreisenden im Zug weitestgehend ignoriere.
Nur als ich mit meinen Kollegen, die mit mir unterwegs waren, ebendiese Fragen thematisiert habe, bemerkte ich, dass einer der Männer unserem Gespräch folgte. Er verstand offenbar deutsch, und wir hatten schlicht nicht auf dem Schirm, dass wir gerade über ihn sprachen. Vielleicht hätte er unsere Fragen gern beantwortet. Vielleicht hätte er selbst gern viele Fragen an uns gestellt: Wie komme ich von Hannover nach Braunschweig? Wie komm ich ins ICE-Wlan-Netz? Kostet ein so schlecht schmeckendes Bier in Deutschland immer 4 Euro?

Wir waren, so deute ich das im Nachhinein, in unserer Von-außen-Perspektive gefangen, man könnte auch sagen, unserer „Akademikerblase“. Wir stehen da und reden über Politik und die Menschen, die sie betrifft, reden über EU und die Türkei, suchen nach Antworten und ziehen Schlüsse – ohne zu merken, dass die davon betroffenen Menschen unter uns sind. Das waren sie heute bei uns im Zug und das werden sie ab jetzt in unseren Gemeinden, Städten und Ländern immer sein. Deutschland wird sich durch die Flüchtlinge verändern, sicherlich zum Positiven, wenn auch die negativen Seiten der Migration – mitgebrachte Konflikte, Integrationsverweigerung, unzulängliche interkulturelle Kompetenz auf unserer Seite – offenbar werden und zu Diskussionen führen werden.
Ich glaube, die Menschen im Zug waren froh sitzen oder liegen zu können und ruhen zu können. Eine Strecke mit 250 Stundenkilometern zurück zulegen dürfte die Zugfahrt zudem zur schnellsten Etappe ihrer Flucht gemacht haben.

Und eine Antwort fand sich dann schließlich doch: In Hannover wurde eine Gruppe von Männern und Kindern von einer verschleierten Frau abgeholt, sie umarmten sich, ein Mann weinte bitterlich. Das hat mich tief berührt. #RefugeesWelcome

Lingen grüßt aus Heidenau

Alle Bildrechte bei dpa/picture-alliance/Arno Burgi

Ein zweifelhafter Gruß aus Lingen begegnet allen, die dieser Tage nach Heidenau in Sachsen fahren – aber auch allen, die eines der Ortsschilder in den Nachrichten oder im Internet sehen. Darauf klebt nämlich ein Aufkleber der Facebookgruppe „Du weißt, du kommst aus Lingen, wenn…, wie der Lingener Blogger Robert Koop bemerkt hat.

aufkleberWas unschöne Assoziationen wecken könnte, hat einen simplen Hintergrund, wie die „Kleberin“ in der Facebook Gruppe aufgeklärt hat: Als 2013 das Elbhochwasser Heidenau heimsuchte, hat die Lingenerin mit einem 40-Tonner Hilfsgüter in die Stadt geschafft – und dabei diesen Gruß hinterlassen.

Ich hoffe, dass Heidenau als Stadt großer menschlicher Hilfsbereitschaft in die Geschichte eingehen wird.

Auswandererblo(g)ck

Grafik: Stadt Lingen

Grafik: Stadt Lingen

Im Garten der Akademie, in der ich arbeite, wird bald ein Flüchtlingsheim entstehen. 30 Menschen in den kommenden fünf Jahren dort wohnen. Ob es gelingt, dass sie sich im Dorf wohl fühlen, dass sie nach traumatischen Kriegs- und Armutserlebnissen und einer abenteuerlichen Flucht bei uns zur Ruhe kommen können, liegt an uns allen. Lokalpolitik, Dorfgemeinschaft und Anwohner haben ihre Unterstützung zugesagt, ebenso wir Mitarbeiter, die mit den Flüchtlingen täglich zu tun haben werden.
Ein mulmiges Gefühl gestatte auch ich mir. Immerhin wissen die für die Bewohner verantwortlichen Sozialarbeiter erst eine Woche vorher, welche Menschen aus welchen Ländern zu uns kommen, ob es Familien, Paare oder einzelne Männer sind, aus welchen Verhältnissen sie kommen und welcher Religion sie angehören. Aber es ist gut und richtig, dass unser Haus die Anfrage der Stadt nach Sichtung einer geeigneten Fläche positiv beantwortet haben. Es ist eine Chance für uns Mitarbeiter und die Ortsbewohner, interkulturelle Kompetenz zu erwerben, Humanität und Nächstenliebe gegenüber denen zu zeigen, die Fürchterliches erlebt haben.

Anders als erwartet bekomme ich nun meine kaputte Welt in der heilen Welt.