„Darum liebe ich das Emsland“

In diesen Tagen sind wir seit fünf Jahren im Emsland. Am 14. April 2012 um 12 Uhr habe ich unsere Wohnung in Reinickendorf ein letztes Mal abgeschlossen und mich in unseren pickepackevollen Hyundai Atos gesetzt, der mich in die neue Heimat bringen sollte.
Frau und Sohn waren schon vorgefahren.
Tochter ist drei Monate später nachgekommen. Also: geboren worden.
Elfeinhalb Jahre Berlin waren für mich vorbei.
Nun stehen wir vier Monate vor der Geburt unseres dritten Kindes, unseres zweiten Emslandbabies – und da ich ja tatsächlich auch hier geboren bin, wird unsere Familie im Spätsommer aus mehr gebürtigen Emsländern bestehen als aus Nicht-Emsländern.

In der Lokalzeitung gibt es zur Zeit die Reihe „Darum lieben wir das Emsland“, in der Zugezogene darüber berichten, warum sie ihre neue Heimat mögen. Ich wurde nicht gefragt, doch beim Lesen der Artikel, die sich mitunter so butterweich lesen, als hätte sie die regionale Tourismusagentur geschrieben (und das Kürzel „pm“ deutet in dieselbe Richtung…), habe ich mich gefragt, was ich geantwortet hätte.
Michael, was magst du am Emsland?
Nun, ich mag die wunderschöne Natur im Emsland. Felder, Äcker, Auen, Wälder, Heide und Seen gibt es hier, also eigentlich fast alles außer Küste und Bergen. Dann mag ich die Familienfreundlichkeit. Ich mag das starke gesellschaftliche Engagement, und dass dieses anerkannt wird. Ich finde es schön, dass ich mich als gläubiger Christ hier nicht erklären muss. Ich schätze den Wohlstand, der in den Städten und Dörfern sichtbar ist, auch wenn er durch sichtbare Industrie- und Gewerbeansiedlungen erkauft worden ist.
Ich mag die Ruhe. Hier im Emsland wird viel geschafft und viel gefeiert, aber nie so, dass Hetze aufkommt. Alles zu seiner Zeit und alles in Maßen – eine gute Einstellung, die ich in fünf Jahren noch nicht zu übernehmen geschafft habe.

Und ich mag die Gegend, weil ich hier mit meiner Familie glücklich bin.

Ja, es gibt auch Dinge, die mich nach fünf Jahren befremden.
Es gibt Dinge, die mich ärgern. Es gibt auch Dinge, die mir fehlen.
Und sicherlich könnten meine Familie und ich auch in anderen Gegenden glücklich sein.
Aber in 20 oder 30 Jahren mit meinen Kindern schöne Erinnerungen aus unserer Zeit im Emsland auszutauschen, wird mir nicht schwer fallen.
Vielleicht kommen die positiven Aspekte meines Wandels vom Haupstadtsender zum Auenländer auf diesem Blog ein wenig kurz – deshalb hier in aller Form: Danke, Emsland!

Heimat – los?

Das Emsland, meine Heimat, die in den Wirren des Erdenkampfes ein Silberstreif der Hoffnung ist.

Das Emsland, meine Heimat. Wo die Glocken klingen, die Jüngeren sich um die alten Eltern kümmern.

Diese Worte gelten dem Emsland. Tatsächlich wurde die Gegend, in der ich seit fast vier Jahren wohne, einst so beschrieben – in einem Heimatkundebuch aus den 1920ern, daraus stammt die erste Beschreibung, und in dem Gedicht „Die Emslandfahrt“ aus den 1950ern. Das sollten die Schüler und Schülerinnen also über ihre Heimat lernen.

Wie ist das heute? Nicht so emotional. Vor einigen Wochen habe ich mit 75 Schülerinnen und Schülern aus dem 9. Jahrgang über das Thema Heimat gesprochen. Für mich war das eine Premiere, erstens mit solch jungen Seminarteilnehmern zu arbeiten, zweitens zu solch einem Thema. Und drittens festzustellen, dass die jungen Emsländer mit dem Begriff „Heimat“ nur schwer warm werden. Wenn sie gebeten werden (was ich getan habe) ihr Heimatbild zu beschreiben, besteht es aus

  1. Freunden und Familie
  2. Essen
  3. Bier
  4. Natur
  5. Mercedesstern und Angela Merkel

Ganz im Ernst: Die meisten der Arbeitsgruppen haben die zur Verfügung stehenden, ca. 100 Statements bzw. Symbole zur Heimat, in dieser Reihenfolge geordnet.

Es bleibt nicht aus und gehört natürlich auch zu einer guten Kursvorbereitung, sich selbst mit dem Seminarinhalt zu konfrontieren. Ich habe das gemacht und mich gefragt, was denn meine Heimat sei.
Das Emsland nicht.
Und das liegt nicht am Emsland.
Sondern daran, weil ich den Begriff trotz aller Beschäftigung mit dem Thema für mich einfach nicht füllen kann. Das, was für viele Menschen Heimat ausmacht, ist in seinen Teilbereichen für mich auch wichtig, selbst Bier, Glockengebimmel und die Fürsorge für die Elterngeneration, finde ich gut – aber zusammen genommen ergibt das nicht meine Heimat.
Wäre ich mein Schüler gewesen, hätte ich ein echtes Problem mit der Aufgabe gehabt.
Vielleicht klappt es mit dem Ausschlussverfahren.

Meine Heimat ist kein Ort.
Nein, ich würde weder meine Geburtsstadt, noch die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, noch Berlin, noch das Emsland als Heimat bezeichnen.
„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“, singt Herbert Grönemeyer.
Aber wenn ich das Gefühl nicht kenne, lerne ich es auch nicht kennen, wenn man erklärt, wie es sich anfühlt. Würde ich nicht die Liebe kennen, würde man mir recht wenig helfen, wenn man mir erklären würde. Da ist man glücklich. Denn das können Narzissten ja auch sein.
„Heimat ist da, wo ich beerdigt sein will“, sagt mein Vater.
Mein Vater ist klug und lebenserfahren; doch wo mein Grab sein wird, ist mir piepegal. Jetzt. Und dann erst recht.
„Weh dem, der keine Heimat hat“, schreibt Friedrich Nietzsche.
… und ich fühle die sanften Schwingen seines Mitleids, wie sie aus dem Philosophenhimmel über meine Schultern streicheln.
„Ist Heimat eine Erfindung der Möbelindustrie?“ fragt die Jazzkantine.
Ja, irgendwie ist mir dieser Gedanke sympathisch. Womit ich niemandem, der den Begriff für sich füllen kann, zu nahe treten möchte oder gar Unaufrichtigkeit vorwerfe. Aber
„Heimat“ ist für mich zumindest eins: Eine Frage.
Vielleicht eine, die sich für mir gar nicht stellt.
Vielleicht aber auch eine, die irgendwann beantwortet werden wird.
Wer weiß: Vielleich ziehe ich irgendwann schwirren Flugs zur Stadt.
Oder aufs Land.