Auf den Müll, Kippe! (Tatort Vorgarten, Teil 2)

Wer diesen Blog verfolgt, weiß um mein schwieriges Verhältnis zu Vorgärten. Das hängt sicherlich mit meinem Trauma zusammen, das ich im Sommer 2014 erlitten habe, als sich fremde Mächte unseres Vorgartens bemächtigt haben.
Das liegt aber auch an der Bedeutung, den Vorgärten im nachbarschaftlichen Kontext haben, vielleicht besonders in meiner neuen Heimat. Sie stehen für das Spannungsverhältnis zwischen Selbstdefinition („Alles geharkt und in Form geschnitten – so sehr habe ich mein Leben im Griff“!) und Demonstration der sozialen Rolle („My home is my castle, my vorgarten is my Königreich“). Darüberhinaus sind sie ein Puffer zwischen Eigentum und Allgemeinheit und Ausdruck nachbarschaftlicher Kommunikation – Immerhin sagt mein Vorgarten etwas über mich aus, ebenso darüber, was ich für einen „richtigen“ Vorgarten halte.
Wenn Vorgärten nicht so viele Bedeutungen hätten, würde es sie vermutlich gar nicht geben, sondern vor dem Haus wären Parkplätze. Denn als „richtiger“ Garten, in dem man Entspannen, Spielen und Grillen kann, taugen Vorgärten nicht.

Trauma hin, Spannungsverhältnis her: Hin und wieder gehe auch in vor dem Haus Unkraut jäten. Dann z. B., wenn sich allzuviele Löwenzähne durch die Wegplatten bohren oder die Buchsbäume im Beet vor Wildkräutern nicht mehr zu sehen sind.

Gestern kam ich mir jedoch vor, als würde ich in einem Aschenbecher herumwühlen. Im Kiesbeet vor unserem Küchenfenster fand ich 21 Zigarettenstummel! Einige waren schon alt und konnten nur noch in Gestalt eines aufgeweichten Filters geborgen werden, andere waren relativ frisch, trugen sogar noch das Markenlogo („West“) und wären astreines Material für eine DNA-Bestimmung.
Keine dumme Idee.
Denn dvorgarten-zigaretten_01_160416_11-30a weder ich noch meine Frau rauchen, muss irgendjemand Außenstehendes die Kippen bei uns entsorgt haben. Vielleicht mit Absicht – weil das eigene Beet heilig ist? Oder weil unser Vorgarten in den Augen der Tabakfreunde sowieso nicht den geltenden Standards entspricht?
Vielleicht sind die Stummel nur vom Wind in unser Beet geweht und dort einfach hängen geblieben. Diese Möglichkeit ist allerdings eher unwahrscheinlich. Auf der Straße liegen selten Kippen rum, und in den Nachbarbeeten auch nicht.

Aber was soll’s: Die Spekulationen bringen nichts, von Videoüberwachung halte ich nichts und eine DNA-Bestimmung lohnt sich nicht. Bleibt also nur, die Dinger zu entsorgen. Natürlich getrennt von dem Grünabfall, denn die Stummel sind für die Umwelt pures Gift. Eines leichten Ekelgefühls beim Auflesen der Rauchwarenreste konnte ich mich nicht erwehren.

Meinen Protest gegen die unfeine Müllentsorgung werde ich, aus Mangeln an geständigen Tätern, zunächst nur auf diesem Blog äußern. Also:

Liebe Raucher, die ihr eure Kippen in unseren Vorgarten werft!
Kann sein, dass er nicht euren Vorstellungen entspricht, aber wir wohnen hier und lassen uns ungern zwingen den Beeten mehr Zeit zu widmen als unseren Kindern, unseren Interessen und dem, was uns zur Entspannung gut tut. Und auch, wenn unsere Buchsbäume nicht in Form geschnitten sind: Wie ein Aschenbecher sehen sie nicht aus. Deshalb sucht euch bitte einen solchen, wenn ihr das nächste Mal nicht wisst, wohin mit eurer Kippe.

Zum Abschluss, nur für euch, ein Werk zeitgenössischer Waste-Art:

Auswandererblo(g)ck

Grafik: Stadt Lingen

Grafik: Stadt Lingen

Im Garten der Akademie, in der ich arbeite, wird bald ein Flüchtlingsheim entstehen. 30 Menschen in den kommenden fünf Jahren dort wohnen. Ob es gelingt, dass sie sich im Dorf wohl fühlen, dass sie nach traumatischen Kriegs- und Armutserlebnissen und einer abenteuerlichen Flucht bei uns zur Ruhe kommen können, liegt an uns allen. Lokalpolitik, Dorfgemeinschaft und Anwohner haben ihre Unterstützung zugesagt, ebenso wir Mitarbeiter, die mit den Flüchtlingen täglich zu tun haben werden.
Ein mulmiges Gefühl gestatte auch ich mir. Immerhin wissen die für die Bewohner verantwortlichen Sozialarbeiter erst eine Woche vorher, welche Menschen aus welchen Ländern zu uns kommen, ob es Familien, Paare oder einzelne Männer sind, aus welchen Verhältnissen sie kommen und welcher Religion sie angehören. Aber es ist gut und richtig, dass unser Haus die Anfrage der Stadt nach Sichtung einer geeigneten Fläche positiv beantwortet haben. Es ist eine Chance für uns Mitarbeiter und die Ortsbewohner, interkulturelle Kompetenz zu erwerben, Humanität und Nächstenliebe gegenüber denen zu zeigen, die Fürchterliches erlebt haben.

Anders als erwartet bekomme ich nun meine kaputte Welt in der heilen Welt.

Update: Flüchtlingsbauchschmerz

James Gordon, CC BY 2.0

James Gordon, CC BY 2.0

In unserer Stadt entstehen Flüchtlingsunterkünfte. Wo sie stehen werden, ist in einigen Stadtteilen noch immer umstritten. Aber angesichts der Verfolgung vieler unschuldiger Menschen in Syrien, Eritrea, Somalia und dem Irak wird es bei den knapp 800 Flüchtlingen, die seit 2014 in unserer Stadt gekommen sind, nicht bleiben. Wer sich auch nur einmal mit den Zuständen in diesen Ländern auseinandersetzt (ich empfehle die Seiten des Netzwerks Migration in Europa und diese beeindruckende Onlinereportage) darf zu keinem anderen kommen als zu diesem: Natürlich bieten wir auch weiteren Flüchtlingen Schutz.
Natürlich müssen deren Unterkünfte auf Flächen stehen, die geeignet dafür sind. Wenn Anwohner deswegen beängstigt sind, weil sie nicht wissen, wie sich die Flüchtlinge verhalten werden, ist das verständlich – aber kein einziges Argument rechtfertigt ein Nein zu weiteren Flüchtlingen. Die Unversehrtheit fremder Menschen ist ein höheres Gut ist als die heile Welt der Bedenkenträger. Natürlich: Im sozialen Netz des durch Nachbarschaft und Vereinswesen geprägten Emsland gilt: Man kennt sich, man hilft sich. Aber hilft man auch denen, die man nicht kennt?

Viele Emsländer engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, viele weitere sind bereit, weitere Hilfsbedürftige in ihrer Nachbarschaft aufzunehmen und ihnen, sofern gewollt, zu helfen. Umso mehr ärgerere ich mich über die dumpfen Vorurteile, die jüngst auf einer Bürgerversammlung geäußert wurden.

„Ein weiterer wollte wissen, wie denn die Sicherheit garantiert sei, wenn „unsere Kinder auf dem Bolzplatz spielen und die Frau abends im Wald spazierengeht“

 

„Ich kenne diese Klientel“, äußerte er sich über Flüchtlinge. „Ich weiß, wie das ist, wenn 30 Junggesellen auf der Straße stehen.“

Es macht mir Bauchschmerzen zu hören, wie voreingenommen einige Mitbürger gegenüber Flüchtlingen sind. Flüchtlinge, die ich natürlich genausowenig kenne wie die Bedenkenträger, von denen ich genauso wenig weiß, wie sie sich in unserer Nähe verhalten werden – die nicht aufzunehmen aber keine menschenwürdige Alternative ist.

Kommentare in einer regionalen Facebookgruppe wie dieser hier:

Wir müssen nicht noch mehr und mehr Flüchtlinge aufnehmen! Dies führt unweigerlich zu Konflikten!

sind glücklicherweise die Ausnahme, weil sich die meisten Diskussionen in dem sozialen Netzwerk darum drehen, was man als Deutscher sagen darf, ohne als Nazi bezeichnet zu werden.
Wo die Flüchtlingsfrage also eine Identitätsfrage wird.
Und sich Diskussionen sehr schnell im Kreis drehen – also um die Eitelkeit der Gastgeber, statt um die Not der Gäste.

Wir haben in der Region einen profilierten Verein, der die Flüchtlingsarbeit koordiniert. Dem müssen wir vertrauen und den müssen wir nach Kräften unterstützen. Und bis die Flüchtlinge denn wirklich in unsere Nachbarschaft einziehen, sollten wir den bestehenden Ängsten, Vorurteilen und Vorurteilen einfach Fakten gegenüberstellen. Nur so kann sich das aufgeheizte Klima ein wenig abkühlen und die Neuankömmlinge nach Wochen und Monaten voller Gewalt, Flucht und Unsicherheit hier zunächst einmal zur Ruhe kommen. Wenn die Frauen, Männer und Kinder nach Ihrer Odyssee endlich sicheren Boden unter den Füßen haben, dürfen sie nicht gleich mit unseren Erwartungen – positiv wie negativ – konfrontiert werden. Ankommen braucht Zeit.

Als Waffe gegen Fremdenangst empfehle ich die Antworten, die Pro Asyl zu den häufigsten Vorbehalten gegenüber Flüchtlingen gesammelt hat. Ein Zitat:

Tatsächlich verhindern vor allem Vorurteile, Misstrauen und mangelnde Kommunikation, dass Menschen in ihrem Stadtteil ein Gefühl von Sicherheit und Ordnung haben. „Wo jeder jeden kennt“, fühlt man sich wohl.

Das ist es doch, was das Emsland ausmacht, oder?

UPDATE: Zwei Bürgerversammlungen in der letzten und vorletzen Woche haben meine Bedenken weitgehend zerstreut. Es herrschte bei Einzelpersonen, Verbänden und Lokalpolitikern eine den Flüchtlingen wohlgesonnene Stimmung. Ich habe einem Ortszeil sogar das Gefühl bekommen, die Flüchtlinge würden mit Liebe und Aktionismus erschlagen. Vielleicht sollten sie erst einmal in Ruhe ihre Flucht verdauen?
Was mir nun noch Sorgen macht, ist, dass die Sorgen von Anwohnern der Flüchtlingsheime nicht ernst genommen werden. Eine Frau, die direkt gegenüber einer der Unterkünfte wohnen wird, sagte, sie hätte Angst um ihre Enkel. Ist das nicht verständlich? Muss man ihr das nicht zugestehen? Niemand weiß, wer genau im Heim gegenüber wohnen wird! Doch ihre Angst wurde vom Moderator übergebügelt. Da muss noch eine andere Art der Toleranz wachsen, damit sich niemand allein gelassen fühlt – weder die Flüchtlinge, noch die Anwohner.