Antiterroristischer Schutzwall? Nein Danke!

Die Stadt Lingen hat beschlossen, den diesjährigen Weihnachtsmarkt mit Beton- und Wasserbarrieren vor einem Terrorangriff mit einem Fahrzeug zu schützen. So werde man seiner Verantwortung gerecht, sagte der Erste Stadtrat. Die Barrieren würden ein Gefühl der Sicherheit vermitteln, sagte ein SPD-Kommunalpolitiker. Die Sicherheit der Bevölkerung habe oberste Priorität, sagte ein CDU-Kommunalpolitiker. Aus den kleinen Parteien im Verkehrsausschluss kamen kritische Töne, die den Verwaltungschef aber nicht umstimmen konnten. Schade – denn die Kritiker haben recht.
Auch ich lehne die Maßnahme absolut ab und den Weihnachtsmarkt in diesem Jahr deshalb nicht besuchen. Aus vier Gründen:

  1. Die Maßnahme bringt nichts. Zumindest gegen auffahrende LKW sind Betonpoller wirkungslos, wie DEKRA und Mitteldeutscher Rundfunk belegt haben. Hier geht’s zum Bericht.

    Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

  2. Die Maßnahme vermittelt ein Gefühl der Angst, nicht der Sicherheit. Der Terror rückt damit in die Köpfe. Jeder, der an den Barrieren vorbei geht, wird daran denken, warum sie dort stehen. Und wer es nicht weiß, wird fragen. Ich habe keine Lust, mit meinen Kindern eine Lektion Kleine Terrorkunde durchzunehmen, wenn wir an den Dingern vorbei gehen. Ich möchte nicht erklären, was am Breitscheidplatz geschehen ist, in Nizza oder New York. Weil es mir und den Kindern Angst macht. Ich weiß um die abstrakte Terrorgefahr, darum, dass theoretisch auch hier etwas geschehen könnte, auch wenn das unvorstellbar unwahrscheinlich ist. Doch ich halte es für grundfalsch, darauf mit Maßnahmen zu antworten, die je nach Art des Terrors vielleicht nicht einmal wirken, aber den Besuchern negative Gedanken oder gar Gespräche aufdrängen. Die gute Botschaft des Weihnachtsfestes, immerhin Ursprung des ganzen Marktgewusels, ist eine Botschaft gegen die Angst. Wenn aber die Angst regiert, haben die Terroristen gewonnen.
  3. Wer Terroristen ausschließt, schließt Menschen ein. Sich auf dem Weihnachstmarkt wie in einer Hochsicherheitszone zu fühlen, hat nichts mit der Freiheit zu tun, deren Ausdruck ein gemütlicher Bummel über selbigen eigentlich ist – und auf die es die Terroristen abgesehen haben.
    Also: Sperren wir uns nicht ein!
  4. Die Politik muss die Sicherheit der Bevölkerung schützen. Deshalb sollten Terroranschläge vereitelt werden, bevor sie geschehen. Die Attentäter von Berlin, Nizza und New York (und viele weitere) waren vor der Tat polizeilich bekannt. Hier muss die Politik ran, indem sie das Ermittlungspersonal aufstockt und für die Terrorprävention spezialisiert.Das übersteigt freilich die Einflussmöglichkeiten des Lingener Verwaltungschefs, aber der spart dann immerhin das Geld für die Barrieren. Ein Glühwein für den Verkehrsausschuss sollte dann sicherlich drin sitzen.

Update 10.11., 23:00 Uhr:
Ich habe noch ein weiteres Argument: Hinter den Pollern kann die Stadt nie mehr zurück. Die Gefahr durch Terrorismus wird sich in den kommenden Jahren sicher nicht legen. So wird die Stadt im nächsten und den folgenden Jahren nicht sagen können: Weg mit ihnen, wir brauchen die Barrieren nicht mehr (zumindest nicht, ohne den Kritikern Recht geben zu müssen). Im Gegenteil: Vermutlich wird es weitere Attentate irgendwo auf der Welt geben, trotz Barrieren, vielleicht mit anderen Mitteln, für die dann, wenn die Stadt ihrer Argumentation treu bleibt, auch wieder Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Uns droht ein perfides Wettrüsten.
Ich kann die Verantwortlichen verstehen. Sie haben Angst, im Fall des Falles nicht alles getan zu haben. Aber wohin treibt uns diese Sehnsucht nach Sicherheit? Ich möchte Feste, Märkte, Umzüge und Traditionen nicht in einem Ghetto sehen, hinter hohen Mauern, abgeschottet von der Außenwelt. Benjamin Franklin wird in diesem Kontext viel zu oft zitiert, aber man es einfach nicht besser ausdrücken:

Wer wesentliche Freiheit aufgeben kann um eine geringfügige bloß jeweilige Sicherheit zu bewirken, verdient weder Freiheit, noch Sicherheit.

Emsland – Deutschland 3:2

Demografische Assimilation könnte man es nennen.
Oder: Wer gebiert, wird  integriert.

Während Papa und Mama auch nach fünf Jahren an mancher Stelle noch mit ihrer neuen Heimat hadern, sind in ihrem Haus Fakten geschaffen worten: Das Verhältnis von Emsländern zu Nicht-Emsländern in unserem Haushalt hat sich mit der Geburt unseres dritten Kindes Ende August zu einem emsländischen Überhang entwickelt. Neben mir, der vor fast vier Jahrzehnten in Meppen zur Welt gekommen ist und seine ersten anderthalb Jahre im Emsland gelebt hat, und unser großen Tochter, die hier kurz nach dem Umzug aus Berlin zur Welt gekommen ist, ist unsere Jüngste also der dritte gebürtige Emsländer in unserer Familie. Meine Frau, eine gebürtige Westfälin, und unser großer Sohn, geboren 2009 in Berlin-Charlottenburg, sind als Nicht-Locals also in der Minderheit.
Doch: Hat das wirklich etwas zu bedeuten?
Ist der Geburtsort nicht nur Zufall?
Werden unsere Töchter irgendwann stolz auf ihren Geburtsort sein? Werde ich es?
Werden sie die emsländische Mentalität, die nicht meine ist, annehmen?
Werden sie das Emsland ihre Heimat nennen?
Was heißt das für unsere Familie?

Das liegt sicher auch an uns. Also: Packen wir’s an!
Wer sagt denn, dass die Familienplanung abgeschlossen ist?