Berliner Radiogeschichte im Emsland

Hin und wieder berühren sich meine alte und meine neue Welt.

Ab und zu erstelle ich Radiobeiträge zu Veranstaltungen des Bildungshauses, in dem ich arbeite, für das redaktionelle Programm der Ems-Vechte-Welle. Wenn ich Töne auswähle, schneide, meinen Text einspreche und das Ganze produziere, merke ich: Hier bin ich in meinem Element.
Aber auch der Sender, der mich damit on air lässt, ist mir sehr sympathisch. Das Programm der Ems-Vechte-Welle wird tagsüber von einem professionellen Journalistenteam gestaltet und abends als „Mitmach-Radio“ von Bürgern. Das kleine Redaktionsteam hat dafür gesorgt, dass der Sender in der Regionalberichterstattung zu einer festen Größe geworden ist. Doch gerade ihre Doppelfunktion macht die Welle so interessant: Der Hörer hört, je nachdem, wann er einschaltet, Anspruch oder Amateure, Tagesthemen oder Spartentalk, Profis oder Pannen. Zudem eine solide Popmusik-Auswahl (die der Geschäftsführer trifft) und niemals Werbung – finanziert wird der Sender durch die Landesmedienanstalt und die Kommunen im Sendegebiet.

Im senderarmen Niedersachsen ist die Ems-Vechte-Welle ein liebenswertes Kuriosum. Das Tollste ist aber der Ü-Wagen.
Er ist Radiogeschichte auf Rädern.
Ich hoffe, er ist nicht auch schlechtes Karma auf Rädern – denn der Van gehörte früher Hundert,6.

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Der Ü-Wagen, heute

Die Ems-Vechte-Welle erwarb den Wagen aus der Insolvenz des Berliner Radio-Urgesteins. Hundert,6 war eines der ersten beiden Privatradios Berlins, beendete 2005 aber sein Programm. Dem zuvor gegangen war ein echter Radiokrimi (inklusive Machtspielchen, Klüngeleien und Propaganda), der in dem unfairsten Rausschmiss endete, den loyale Radioleute sich vorstellen können: Über Nacht wurde das Studio in ein anderes Gebäude verlegt, ohne die Mitarbeiter zu informieren.
Die Morgenshow stand in leeren Räumen.
Für meinen ehemaligen Arbeitgeber wurde mit der Insolvenz aus einem Konkurrenzsender plötzlich eine Chance – auf neue Hörer und auch auf die frei werdende, starke UKW-Frequenz. Wir haben uns bei beidem mächtig ins Zeug gelegt und zumindest im ersten Punkt auch Erfolge erzielt. Dennoch gilt Hundert,6 für viele Berliner heute noch als Kultsender.

ro.ga.69 / facebook.com

Der Ü-Wagen, früher (Bild: ro.ga.69 / facebook.com)

Und wenn dessen Ü-Wagen, quasi ein Botschafter dieses Kultsenders, heute die emsländische Radioszene mobil macht – dann färbt der Kult bestimmt ab.
So ganz ist die Klebeschrift „Hundert,6“ auf dem Wagen ja auch noch nicht verschwunden.