Staubsaugerin

Seit letztem Herbst haben wir einen Staubsaugerroboter. Die Anschaffung haben wir seitdem nicht bereut, denn das Gerät nimmt uns viel Arbeit ab. Es saugt, wenn wir das Haus verlassen, einen Tag oben, einen Tag unten. Nur noch einmal in der Woche müssen wir mit einem klassischen Sauger in die Ecken gehen, ansonsten erledigt der Roboter seine Aufgabe einwandfrei. Wer Kinder und Katzen hat, dem kann ich solch eine Anschaffung wirklich ans Herz legen.

Es ist zugegebenermaßen ein ulkiges Gefühl mit seiner Familie in der Küche zu sitzen, während im Flur ein kleines Elektrogerät deinen Schmutz wegmacht. Hin und wieder ertappe ich mich sogar dabei, dass ich ein schlechtes Gewissen habe. Das mag daran liegen dass sich der Roboter über sein LCD-Display höflich bedankt, wenn man den geschluckten Staub entleert („Danke, dass Sie meinen Staubbehälter ausgeleert haben“) oder freundlich darum bittet, ihn zu befreien, wenn er unter irgendeinem Möbel feststeckt. Wir haben dem Roboter auf jeden Fall einen Namen gegeben. Zu dem flachen, schwarzen Gerät, das mit seiner aufragenden Sensorkuppel ein bisschen wie ein Raumschiff aussieht, hätte natürlich „Enterprise“ gut gepasst, wg. seiner loyalen Arbeitshaltung vielleicht auch „R2D2“ oder „KITT“, doch wir haben ihn „Beate“ genannt. Diesen Namen haben wir aus einem sehr einfachen Grund gewählt: Der Hersteller des Gerätes heißt „Neato“, was offenbar an das englische „neat“ (ordentlich, sauber) angelehnt ist und auf deutsch ausgesprochen wirklich ziemlich ähnlich klingt wie Beate.
So wurde also aus Neato Beate.

Doch nun der Vorwurf: das sei sexistisch.
Okay, die Welt ist momentan gerade sehr sensibel für dieses Thema, wurde doch gestern ein Mann ins US-Präsidentenamt eingeführt, der Frauen auch gerne mal in den Schritt fasst und damit auch noch prahlt. Der Vorwurf seinem Saugroboter einen weiblichen Namen zu geben sei sexistisch, trifft mich jedoch hart. Zumal er von zwei Frauen geäußert wurde, meinen Kolleginnen, beim Mittagessen. Eine meinte, ein männlicher Name sei angemessener, weil es sich ja um ihn, den Roboter, handele.
Nur: Wäre das nicht genauso sexistisch?
Ein weiblicher Name für einen Saugroboter würde Frauen aufs Saugen reduzieren, hörte ich weiter.
Hier schließlich musste ich protestieren.
Die Enterprise, die in Galaxien vordringt, die nie ein Mensch (im Original „no MAN“) je zuvor gesehen hat, reduziert Frauen ja auch nicht aufs In-Galaxien-vordringen. Auch käme niemand auf die Idee, die ISS würde Frauen nur aufs Astronauten-Beherbergen reduzieren. Und die Titanic hat Frauen ganz sicher nicht nur aufs Eisberge-Rammen reduziert.

Es ist ganz sicher nicht sexistisch, einem Staubsauger einen Frauennamen zu geben. Umgekehrt freilich schon: Wenn ich eine Frau „Staubsauger“ nennen würde. Das tue ich natürlich nicht. Das würde vermutlich nicht mal Donald Trump tun. Bei keiner Frau, vor allem aber nicht bei meiner Frau. Immerhin hat die vorgeschlagen, unseren Staubsaugerroboter Beate zu nennen. Sauber!

Ein Gruß – das muss!

Eine der ersten Lektionen, die ich nach meinem Umzug vor vier Jahren gelernt habe, war das Grüßen. Während man in Berlin die Leute grüßt, die man kennt, gehört im Auenland ein freundliches Nicken und ein kurzes „Moin“ zum guten Ton – auch bei Leuten, die man nicht kennt.
Wobei man viele Leute halt immer wieder sieht, auch wenn man sie nicht kennt.

Beim Joggen gestern habe ich das beherzigt. Auch wenn ich tierisch am Keuchen war, habe ich jeden Radfahrer und jede Radfahrgruppe, die mir auf der Kanalpromenade entgegenkam, freundlich angenickt und gegrüßt. Zurück gegrüßt hat nicht einmal jeder dritte Radler. Warum nicht? War gestern joggingfreier Donnerstag? Gibt es einen speziellen Code zwischen Radfahrern und Läufern, den ich noch nicht kenne? Oder hat sich rumgesprochen, dass ich letzte Woche auf dem Weg zum Einkaufen vergessen habe einen Kindergartenpapi zu grüßen?

Viele Kilometer lang habe ich über Grund des Grüßboykotts nachgegrübelt. Bei einer jungen Radfahrergruppe, die gerade rund um eine Bank versammelt ein paar Bier trank, probierte ich einfach mal ein „Prost“. Und siehe da: Alle grüßten freundlich zurück!

Hätte ich an Christi Himmelfahrt bzw. am Vatertag auch früher drauf kommen können.

Update: Fremdschäm schlägt Bauch

Ihr kennt das: Zwischendurch mal eben in die Bäckerei reinhüpfen und irgendwas Teigartig-gebackenes, Süßes oder Deftiges, mitnehmen.
Geht das so auf die Hand?
Ja klar. Danke. Tschüss!

Als Student in Köln vor vielen Jahren gehörten solche Zwischenstopps häufig zu meinem Rückweg von der Uni oder zu samstäglichen Stöbertouren durch Plattenläden. Es kann auch sein, dass ich mir die Verlegenheit ersparen wollte, mit den beiden nackten Kochplatten in meiner Einraumwohnung in Köln-Kalk über die Zubereitung einer richtigen Mahlzeit zu diskutieren.

(C) Bäckerei Kamps

Dafür wurde ich beim Bäcker verlegen.
Ein weiches Brötchen mit Schokotropfen drin, das wäre schon schön… aber der Name!? Heiner Kamps, dessen Bäckereien damals in Köln allgegenwärtig wareb, hat offenbar zu viele Kindercomics gelesen.
Wer traut sich bitteschön, einen Schoko-Wuppi zu bestellen?

Guten Tag, eine Latte Macchiato tall mit Vanilla Flavour, ein Bio-Rucula-Parmesan-Wrap und zwei Schoko-Wuppis!

Man muss kein Hipster sein, um bei einer solchen Bestellung im Boden versinken zu wollen. Zugegeben: Hipster gab es um die Jahrtausendwende noch nicht (zumindest nicht in Köln-Kalk), Wraps auch nicht, ebensowenig wie „talle“ Getränke – und Bio gab es nur im Reformhaus gegenüber vom Tedi.

Geht aber schlimmer.

Fünfzehn Jahre später zieht mich meine Tochter während des Innenstadtbesuchs zum Bäcker. Ichhabesoeinedrossehunna! Kamps gibt’s hier nicht, dafür hat ein lokaler Bäckermogul so gut wie überall seine Ladengeschäfte.

OK, was willst du?
Das da.

Einen Moment des Schreckens später realisiere ich, dass sie nicht auf das Brötchen mit Schokotropfen gezeigt hat, sondern daneben. Voller Erleichterung bestelle ich die Laugenstange, bezahle sie gern und freue mich, dass es der Kleinen schmeckt.
Vor allem freue aber ich mich, dass ich meiner Tochter nicht erklären musste, auf gar keinen Fall ein „Schoko-Stüttkes“ zu kaufen.

Mal ehrlich: Was ist an den Bezeichnung „Schoko-Brötchen“, „Schoko-Schrippe“ oder von mir aus „Schoko-Wegge“ so schlimm, dass man auf derart alberne Namen zurückgreifen muss?
Und bevor ich hier als integrationsunwillig gelte: Das Wort Stüttkes ist kein typisch-emsländischer Ausdruck für ein weiches Brötchen. Google findet nur einen Treffer zu dem Wort: Eine Twittermeldung über Fasten-Stüttkes.
Na danke.
Da faste ich doch lieber.

UPDATE 28.12.2015:
Die erwähnte emsländische Bäckerei hat sich gemeldet:

Klar, dass ich das nicht googlen konnte.
Einheimische wissen das, oder? Weit gefehlt: Ende der 1980er Jahre sprachen nur noch 3 Prozent der Viertklässler plattdeutsch. Und im Emsland-Sprachführer „High Knee“ steht das Wort auch nicht drin.
Wie dem auch sei: Beim nächsten Bäckereibesuch werde ich mein Fremdschämen einfach herunter schlucken und versuchen (die Schoko-Stüttkes) (auf Platt) zu bestellen.
Wenn die Kleine nicht doch lieber eine Laugenstange möchte.
Möcht sie doch bestimmt…
Immerhin gibt’s dann danach auch ein dickes Eis…
Und eine Extrastunde Fernsehen am Abend…