Berlin. Eine Kahnekdote.

Eigene Montage; Silhouette: Thomas Wolf, CC BY-SA 3.0

Foto Silhouette: Thomas Wolf, CC BY-SA 3.0; eigene Montage

Berlin ist groß.
Berlin stinkt.
Berlin braucht das Wasser.
Berlin macht manche Welle.
Berlin hat viele Stärken.
Berlin hat viel hinter sich.
Die, die Berlin hinter sich hat, haben Berlin auf dem Radar.
Wenn Berlin in Fahrt ist, ist Berlin nicht leicht zu stoppen.
Berlin ist schnell, zumindest wenn Berlin leer ist.

Aber heute war ich schneller.
… als ich auf meiner Joggingstrecke am Kanal die MS Berlin einholte, einen 80 Meter langen, leeren, aber deshalb ziemlich schnellen, Stückgut-Frachter auf dem Weg Richtung Ruhrgebiet.

Als ich denn den Bug erreichte, nicht ohne Stolz, fragte ich mich:
Hab ich Berlin hinter mir?

(Zu einer anderen Kahnekdote.)

Penunzen und Pinkelposten

Ich behaupte einmal: Es gibt keine schönen Gründe zum Urologen zu gehen. Niemand trägt mit Lust und Vorfreude „Montag 8 Uhr: Termin Urologe“ in seinen Terminkalender ein, hüpft, wenn es endlich soweit ist, beschwingt die Treppen des Ärztehauses hoch, atmet beim Betreten der Praxis erleichtert auf und fühlt sich ab dann rundum wohl. Und postet hinterher ein Selfie, wahlweise mit Ultraschallbild oder Praxisschild, auf Facebook. Nein, niemand geht gern zum Urologen.
Wenn ich recht überlege, ist das eigentlich der Hauptgrund, warum ich nicht verstehe, wie man Urologe werden kann. Abgesehen von den Untersuchungen. Während der Arzt seine Fachrichtung allerdings wählen kann – sich jeder Urologe also absichtlich gegen die Orthopädie, die Chirurgie oder die Neurologie entschieden hat – muss man als Patient einfach manchmal hin. Wem es in den Nieren zieht, dem hilft auch der qualifizierteste HNO-Arzt nicht.

Vor ein paar Tage hatte auch einen Termin beim Urologen. Alles in Ordnung, zum Glück – aber ins Grübeln gekommen bin ich schon. Zu anderen Arztbesuchen habe ich jedenfalls noch nie einen Blogeintrag geschrieben.

Die freundliche Sprechstundenhilfe bat mich nämlich noch vor dem Betreten des Wartezimmers eine Urinprobe abzugeben. Bei dem Patienten vor mir tat sie das auch, bei weiteren, so habe ich später aus dem Wartezimmer gehört, auch. Und stellte sie die Frage direkt nach „Waren sie schon einmal bei uns?“, also ohne den Grund des Arztbesuchs zu kennen, auf dessen Abfrage sie in zumindest unserem vorherigen Telefonat dankenswerterweise vezichtet hat.

Pinke, Pinke(l)Mit als Laien scheint eine Urinuntersuchnung im urologischen Kontext durchaus sinnvoll – bei der ein oder anderen Beschwerde zumindest.
Auf der Abrechnung der Kassenärztlichen Vereinigung steht Urin auf jeden Fall ganz oben. Die Mikroskopie ist der sechsthäufigste Abrechnungsposten, das Anlegen eine U.kultur steht auf Platz 11 und und eine kulturelle U.untersuchung auf Platz 13.
Und finanziell irrelevant sind die Pipiposten auch nicht: Eine Urinkultur spült fröhliche 4,50 Euro in die Praxiskasse (Zahlen von 2007, Quelle hier).

Doch den weißen Plastikbecher, den mir die Sprechstundenhilfe reichte, habe ich abgelehnt. Nicht weil er mich (und das tut er wirklich) an Kindergeburtstage und Pfarrfeste erinnert, sondern weil ich ein Gegner der anlasslosen Vorratsdatenspeicherung bin.
Und siehe da: Für meine urologischen Belange war die Probe auch absolut nicht notwendig.

Wie bitte: Vorratsdatenspeicherung?

Ich will meinem Urologen keine Abrechnungshascherei vorwerfen, ich glaube auch, dass die Kassenärztliche Vereinigung einen solchen durchaus bemerken würde – aber mit meinem Urin hätte der Doktor Geld verdienen können, auch wenn die Probe für meine Untersuchung nicht notwendig war. Wie oft das wohl passiert?

Doch auch wenn er nichts abrechnen kann, weil er die Urinprobe wegschüttet: Das Bild der Vorratsdatenspeicherung passt trotzdem. Und die Kritik ist ebenso gerechtfertigt.
Daten werden gesammelt, um im Zweifelsfall darauf zurück greifen zu können. Nur dass bei der VDS ein Richter entscheiden muss, dass die Strafverfolgungsbehörden auf die bei den Internet- und Telefonanbietern gespeicherten Verbindungsdaten zugreifen dürfen – also drei (hoffentlich) unabhängige Instanzen im Spiel sind.
Beim Doktor liegt das alles in einer Hand. Er ist Sammler, Richter und Auswerter.
Und er sammelt auch Daten, die er nicht braucht.
Vor allem: Urinproben enthalten definitiv persönliche Daten.

Auf diese Analogie habe ich den Doc nicht angesprochen.
Er hat vermutlich nicht einmal mitbekommen, dass ich den Pfarrfest-Becher abgelehnt habe. Anlasslose Pipidatenspeicherung – nein, Danke!